Pferde in der Kunst
Der Junge, der in den Sonnenuntergang ritt

Eine vergnügliche Abenteuergeschichte um ein Wolkenpferd aus A Book for Kids von CJ Dennis, erschienen 1921. Die Geschichte eines Jungen, den ein Pferd in ein großes Abenteuer lockt.
Es war einmal – und es ist auch noch gar nicht so lange her – ein kleiner Junge namens Neville, der mit seiner Familie in einem Haus lebte, das fast schon auf dem Land stand. Das heißt, es lag gerade am Rand der Stadt; und hinter dem Haus erhob sich ein ziemlich großer Hügel, der völlig kahl war.
Neville, der gern allein spielte, wanderte oft auf die Kuppe des kahlen Hügels; und wenn er ganz oben stand und in die eine Richtung blickte, nach Osten, konnte er über die ganze Stadt hinwegsehen, mit all ihren hohen Gebäuden und Kuppeln und Türmen und rauchenden Schornsteinen. Blickte er aber in die andere Richtung, nach Westen, so sah er meilenweit über das schöne Land mit seinen grünen Feldern und Obstgärten und weißen Straßen und kleinen Bauernhäusern.
Eines Abends spielte Neville allein auf der Hügelkuppe, als er bemerkte, dass sich gerade einer der allerschönsten Sonnenuntergänge anbahnte, die er je gesehen hatte. Der Himmel im Westen, weit draußen über dem breiten Land, war voller kleiner Wolken aller Arten und Formen, und sie begannen gerade, die wunderbarsten Farben anzunehmen.
Neville hatte sich schon oft damit vergnügt, Wolken zu beobachten und die seltsamen Gestalten, in die sie sich verwandelten – manchmal wie große Gebirgszüge, manchmal wie Meereswellen und sehr oft wie Elefanten und Löwen und Robben und allerlei interessante Dinge dieser Art. Aber noch nie zuvor hatte er so viele Tiergestalten in den Wolken ausmachen können. Der Himmel war fast so gut wie ein Zoo. Da waren Kängurus und Elefanten und eine Henne mit Küken und Wallabys und Kaninchen und ein komischer Mann mit großen Ohren und alle möglichen anderen sonderbaren Gestalten.
Die Sonne sank hinter einer fernen Hügelkette, wo ein goldenes Licht hervorleuchtete, als käme es durch ein Tor. Es sah so sehr nach einem großen goldenen Tor aus, dass Neville sich zu fragen begann, was man wohl auf der anderen Seite finden würde.
Plötzlich sah er mitten unter all den bunten Wolken eine kleine Wolke, die vollkommen weiß war, und während er sie beobachtete, fiel ihm auf, dass sie die Form eines kleinen Pferdes zu haben schien. Ein sehr kleines Pferd schien es aus dieser Entfernung; aber während Neville hinstarrte, wurde es größer und größer, gerade so, als käme es sehr schnell auf ihn zu, und er war sich fast sicher, dass er seine Beine sich bewegen sah.
Das erschreckte ihn ein wenig, und so rieb er sich die Augen, um sicherzugehen, dass sie ihm keinen Streich spielten.
Als er wieder hinsah, war er noch erschrockener als zuvor; denn die kleine weiße Wolke war keine Wolke mehr, sondern ein kleines weißes Pferd, ganz in echt. Außerdem hatte es gerade den Himmel verlassen und galoppierte den Gebirgszug hinab, den er weit im Westen sehen konnte.
In zwei Minuten hatte es das Gebirge verlassen und kam über die Felder auf ihn zu, sprang über die Zäune, duckte sich unter den Bäumen hindurch und jagte über die Ebene, wobei seine weiße Mähne und sein Schweif wehten. Es schien geradewegs auf ihn zuzuhalten.
Er hatte nicht wirklich Angst – das dürfen Sie nicht von ihm denken –, aber er begann sich gerade zu fragen, ob es nicht fast Zeit sei, zum Abendessen nach Hause zu gehen, als er bemerkte, dass das weiße Pferd stehen geblieben war, direkt am Fuß des kahlen Hügels. Es blickte zu ihm hinauf, warf den Kopf und scharrte mit den Hufen – das schönste weiße Pferd, das er je gesehen hatte, selbst im Zirkus. Dann schien es sich von seiner Aufregung zu erholen und begann, ruhig den Hügel hinauf auf ihn zuzutraben.
Ich glaube nicht, dass irgendjemand Neville einen Vorwurf gemacht hätte, wenn er sich jetzt entschieden hätte, sofort zum Abendessen nach Hause zu gehen. Aber er war ein ziemlich mutiger Junge, und er war ganz sicher sehr neugierig, also blieb er einfach stehen und wartete.
Und hier beginnt der wunderbarste Teil der Geschichte. Das weiße Pferd trabte zu Neville heran und sprach ihn an. Das würde die meisten Leute überraschen; und Neville war gewiss ebenso überrascht, wie es jeder andere gewesen wäre.
„Wovor fürchtest du dich?“, fragte das weiße Pferd mit lauter Stimme.
Nun hatte Neville inzwischen tatsächlich ein klein wenig Angst; aber er wollte es sich nicht anmerken lassen, also sagte er nur: „Wer fürchtet sich denn?“
„DU fürchtest dich“, sagte das weiße Pferd, lauter denn je. „Du bist nur ein ängstlicher kleiner Junge. Als ich dich von weitem sah, dachte ich, du wärst einer von den Mutigen; aber ich habe mich geirrt. Du bist nur ein kleiner Angsthase.“
„Du solltest besser aufpassen, mit wen du redest“, sagte Neville, der plötzlich seine Furcht verlor. (Kleine Jungen sprechen nicht immer in einwandfreier Grammatik; sonst hätte er „wem“ und nicht „wen“ gesagt.) Er hasste es, „Angsthase“ genannt zu werden. „Du solltest besser aufpassen, sonst verpasse ich dir eins!“
„Aha!“, rief das weiße Pferd. „Auf einmal sehr tapfer, was? Trotzdem traust du dich nicht, näher zu kommen und mich zu streicheln.“
„Aber ich will dich gar nicht streicheln“, sagte Neville.
„Dachte ich mir“, erwiderte das weiße Pferd. „Dachte ich mir, sobald ich dir nahe kam. Du bist einer von den Ängstlichen, und ich habe meine Zeit verschwendet.“
„Wer fürchtet sich denn?“, sagte Neville noch einmal.
„Das hast du schon einmal gefragt“, erwiderte das weiße Pferd, „und ich habe es dir gesagt. Wenn du dich nicht fürchtest, dann komm her und streichle mich. Es gibt nichts, wovor man Angst haben müsste.“
Also ging Neville geradewegs zu dem weißen Pferd und streichelte seine Schulter. Und sofort spürte er, dass es töricht gewesen war, sich zurückzuhalten. Denn von allen glatten, weichen, seidigen Fellen, die er je gestreichelt hatte, war das des weißen Pferdes gewiss das glatteste und das weichste und das seidigste. Er hatte das Gefühl, er könnte es stundenlang weiterstreicheln.
„Na also“, sagte das weiße Pferd mit einer Stimme, so weich und seidig wie sein Fell. „Da war doch nichts, wovor man Angst haben müsste, oder? Und ich glaube, ich habe mich vielleicht in dir getäuscht. Ich denke fast, du könntest einer von diesen verwegenen Jungen sein, von denen man in Geschichten liest. Wie wäre es, wenn du für einen kleinen Ritt auf meinen Rücken springst?“
Neville hörte auf, das weiße Pferd zu streicheln, und wich ein wenig zurück.
„Ich fürchte, man erwartet mich zu Hause zum Abendessen“, sagte er. „Es hat mich wirklich sehr gefreut, dich kennenzulernen.“ Neville war immer ein höflicher kleiner Junge.
„Das trifft sich ja großartig!“, rief das weiße Pferd. „Spring auf meinen Rücken, und ich bringe dich nach Hause. Du hast es doch gern gehabt, mich zu streicheln, nicht wahr? Nun, das ist nichts im Vergleich zu dem Ritt, den du genießen wirst – rein gar nichts. Alle kühnsten Reiter der Welt würden ihre Ohren hergeben, nur für einen einzigen kleinen Ritt auf meinem Rücken. Also los! Eins, zwei, drei, und rauf mit dir!“
Und ehe Neville so recht wusste, was er tat, nahm er einen kleinen Anlauf und schwang sich rittlings auf das weiße Pferd.
„Ich wohne gleich da drüben“, sagte Neville und zeigte in Richtung seines Zuhauses.
Aber ehe er „Messer“ sagen konnte, oder auch nur „Schere“ (angenommen, er hätte eines dieser Wörter sagen wollen), lachte das weiße Pferd ein hässliches, hohles Lachen, sprang vom Boden empor und schwebte durch die Luft dem verglühenden Sonnenuntergang entgegen, weit weg von Zuhause und Abendessen.
Neville klammerte sich fest, denn er war so hoch über der Erde, dass ein Sturz sein Ende bedeutet hätte. Und weit unter sich sah er die grünen Felder und die weiße Straße, die jetzt nur noch wie ein Faden aussah.
„Das ist nicht fair! Brrr, zurück! Brrr, zurück!“, schrie er dem weißen Pferd zu; aber das weiße Pferd gab keine Antwort. Ja, es schien plötzlich weniger ein weißes Pferd zu sein als vielmehr eine weiße Wolke in Pferdegestalt, und Neville sah, dass er nicht mehr auf dem seidigen Fell des Pferdes saß, sondern auf etwas Weichem, Flaumigem wie ein weißes Vlies, und es war ein wenig feucht. Da wusste er, dass er auf einer Wolke ritt; und da es ganz und gar unsinnig war, weiter mit einer Wolke zu reden, hörte er auf zu rufen. Er saß einfach still und fragte sich, was als Nächstes geschehen würde.
Er war jetzt hoch über einem Bauernhaus: einem, das er vom kahlen Hügel aus zu sehen pflegte. Er erkannte es an den hohen Kiefern, die darum herum wuchsen; und unten im Hof sah er einen Mann mit einem Eimer hinausgehen, um die Kälber zu füttern. Neville rief ihm laut zu, aber der Mann blickte nicht einmal auf. Nun war er weit jenseits dieses Bauernhauses und über einem Obstgarten, wo er die Obstbäume in geraden Reihen stehen sah; und wenige Sekunden später lag der Gebirgszug unter ihm, und Neville wusste, dass die Wolke, die wie ein Pferd aussah, geradewegs auf das goldene Tor zuhielt, das jetzt matt in einem grauen Himmel glühte. Er ritt in den Sonnenuntergang.
Schnell wie der Wind, der es trieb, zog das Wolkenpferd über den Gebirgszug hinweg. Plötzlich war rings um ihn ein Schein goldenen Lichts und dann ein Aufblitzen von Farbe, so wunderbar, dass Neville nicht hinsehen konnte. Er schloss die Augen, und während er es tat, spürte er, dass das Wolkenpferd endlich zum Stehen gekommen war.
So saß Neville auf der Wolke und wagte eine ganze Weile nicht, die Augen zu öffnen. Als er endlich doch wieder hinsah, wäre er vor lauter Staunen beinahe in Ohnmacht gefallen. Er war im Inneren des Sonnenuntergangs.
Aber kaum hatte er begonnen, den wunderbaren Anblick zu genießen, da wurde er vom Klang einer komischen, schrillen kleinen Stimme dicht neben sich aufgeschreckt. Als er hinunterblickte, sah er ein seltsames kleines Männchen, nicht größer als ein Spazierstock und von Kopf bis Fuß in goldgelbe Kleider gehüllt. „Meine Güte!“, sagte das winzige gelbe Männchen. „Wie hast DU es geschafft, hier hereinzukommen? Weißt du nicht, dass das hier Privatgelände ist?“
„Es tut mir sehr leid“, sagte Neville, „aber ich konnte nichts dafür. Das Wolkenpferd hat mich hergebracht, wissen Sie.“
„Ah!“, sagte das winzige gelbe Männchen. „Es hat dich hereingelegt, was? Es ist viel zu verspielt, dieses Wolkenpferd; und ich muss sagen, es hat dich in eine schöne Klemme gebracht.“
„Entschuldigen Sie“, sagte Neville, „aber würden Sie mir sagen, wer Sie sind?“
„Ich?“, rief das kleine gelbe Männchen. „Nun, ich bin natürlich der Letzte Sonnenstrahl. Ich dachte, das wüsstest du. Meine Aufgabe ist es, weißt du, den Laden dichtzumachen, wenn der Sonnenuntergang vorbei ist. Und das ist ziemlich harte Arbeit, das kann ich dir sagen, denn ich muss es alle paar Minuten rund um die ganze Erde immer wieder tun. Und manchmal wird es sehr ermüdend. Kannst du dir das vorstellen? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Morgendämmerung oder einen hellen Mittag gesehen – immer nur Sonnenuntergänge. Sonnenuntergänge zum Frühstück, Sonnenuntergänge zum Mittagessen, Sonnenuntergänge zum Abendessen. Und wenn ich auch nur den winzigsten Fehler mache, fällt der Oberkulissenschieber über mich her wie ein Donnerwetter.“
„Du meine Güte!“, sagte Neville. „Ich wusste nicht, dass ihr hier Kulissenschieber habt.“ Neville hatte schon Märchenaufführungen im Theater gesehen und wusste daher, was ein Kulissenschieber war.
„Wie, glaubst du, verschieben wir denn sonst die Kulissen?“, rief das winzige gelbe Männchen ziemlich verdrießlich. Dann tat es plötzlich sehr geschäftig, ohne etwas zu tun, und flüsterte: „Pass auf! Da kommt der Oberkulissenschieber.“
Als Neville sich umblickte, sah er einen Mann mit sehr großen Ohren auf sie zukommen. Er sah nicht nett aus, und er glich außerordentlich dem Wolkenmann, den Neville manchmal am Himmel gesehen hatte, wenn er vom kahlen Hügel aus den Sonnenuntergang betrachtete.
„Na los! Na los!“, brüllte der Mann mit den großen Ohren. „Beweg dich, Goldie! Wir machen hier in ein paar Minuten den Laden dicht und eröffnen sofort auf dem nächsten Gebirgszug. Sieh zu, dass du den Vorhang pünktlich unten hast.“
„Gewiss, Sir“, erwiderte das kleine gelbe Männchen sehr demütig.
Dann bemerkte der Mann mit den großen Ohren Neville zum ersten Mal. Er runzelte finster die Stirn, und seine großen Ohren schienen vor Verdruss zu flattern.
„Wer ist das da auf unserem Wolkenpferd?“, brüllte er mit seiner gewaltigen, zornigen Stimme.
„Nur ein kleiner Junge“, sagte das gelbe Männchen – denn Neville hatte viel zu viel Angst, um zu sprechen. „Nur ein kleiner Junge, dem das Wolkenpferd einen Streich gespielt hat. Ich glaube, er möchte gern nach Hause – gleich drüben beim kahlen Hügel, wenn Sie nichts dagegen haben, Sir.“
„Kommt gar nicht in Frage!“, schrie der Mann mit den großen Ohren. „Das Wolkenpferd geht heute Abend nicht mehr dort hinaus, und der dumme kleine Junge auch nicht. Ich lasse mir den Sonnenuntergang nicht durch solchen Unsinn durcheinanderbringen. Du merkst dir, was ich sage, und kümmerst dich um deine Arbeit.“
Und ohne Neville noch eines Blickes zu würdigen, stapfte der Mann mit den großen Ohren davon, um den Sonnenuntergang auf dem nächsten Gebirgszug vorzubereiten, viele, viele Meilen entfernt.
Neville starrte das winzige gelbe Männchen hoffnungslos an, und das winzige gelbe Männchen starrte Neville an, und keiner sprach ein Wort, bis der Mann mit den großen Ohren weit genug weg war. Dann wurde der Letzte Sonnenstrahl wieder ganz fröhlich.
„Nun“, sagte er, „du hast gehört, was der Oberkulissenschieber gesagt hat. Auf dem Weg, auf dem du gekommen bist, kannst du ganz sicher nicht nach Hause. Das Einzige, was dir bleibt, ist, außen herum zu gehen. Du hast gerade noch genug Zeit dafür, wenn du dich beeilst.“
„Außen herum?“, wiederholte Neville verwirrt. „Um was herum, wohin herum?“
„Um die Welt herum, natürlich“, erwiderte das kleine gelbe Männchen.
„Um die Welt herum?“, rief Neville. „Sie machen sich doch über mich lustig, und ich finde das sehr unfreundlich.“
„Kein bisschen“, lachte das kleine gelbe Männchen. „Du brauchst nicht so ein Aufhebens darum zu machen. Ich gehe doch jeden Tag einmal mit dem Sonnenuntergang um die Welt. Du musst nur ein bisschen schneller sein, damit du es in ein paar Minuten schaffst, und mit dem Wolkenpferd als Hilfe ist das leicht zu bewerkstelligen. Mach dir keine Sorgen wegen des Wolkenpferdes. Es muss genau das tun, was ich ihm sage. Nun entschuldige mich einen Augenblick, dann gebe ich dir eine genaue Wegbeschreibung.“
Damit ging das winzige gelbe Männchen hinter eine rosa Wolke und kam mit einer wunderschönen blauen Blume in der Hand zurück.
„Das“, sagte es und reichte Neville die Blume, „ist eine Himmelsblume. Sie ist ganz und gar aus einem echten Stück Himmel gemacht, und sie ist ein Talisman – das ist ein längeres Wort für Glücksbringer, weißt du –, der dich kostenlos um die Welt bringt. Das Einzige, was du dir merken musst, ist, dass du diese Blume unter keinen Umständen verlieren darfst, bis du wieder zu Hause bist. Nun, was du zu tun hast, ist ganz genau Folgendes: nach Westen reisen und um die Welt jagen, bis du diesen Abend wieder eingeholt hast. Das ist ganz einfach.“
„Einfach!“, rief Neville. „Ich verstehe das überhaupt nicht.“
„Du liebe Zeit!“, sagte das winzige gelbe Männchen ziemlich ungeduldig, „du bist aber schwer von Begriff. Jetzt hör gut zu. Die Welt, weißt du, dreht sich von Westen nach Osten, und dadurch sieht es so aus, als ob die Sonne von Osten nach Westen um die Welt wandert. Sehr gut. Was du also tun musst, ist, auf dem Wolkenpferd viel schneller nach Westen zu reiten, als die Sonne scheinbar wandert, und sie wieder einzuholen, bevor sie von hier weit weg ist. Das Wolkenpferd ist in guter Verfassung, und du solltest es leicht in ein paar Minuten schaffen.“
„Ein paar Minuten!“, keuchte Neville.
„Sei still und hör zu“, fauchte das winzige gelbe Männchen. „Ein paar Meilen westlich von hier kommst du in helles Tageslicht. Das ist der Nachmittag. Danach triffst du auf den Mittag, und wenn du den hinter dir hast, erreichst du den Ort, wo es erst Morgendämmerung ist. Das ist ungefähr der halbe Weg um die Erde. Zeig dem Pförtner der Morgendämmerung die Himmelsblume, und er lässt dich durch. Dann kommst du in die Hälfte der Welt, wo es Nacht ist, und die musst du umrunden, bis du den Ort erreichst, wo es erst Abend ist. Das wird DIESER Abend sein, ungefähr hier, denn du wirst insgesamt nur ein paar Minuten gebraucht haben. Und wenn du dein eigenes Zuhause oder den kahlen Hügel wiedersiehst, dann halte die Himmelsblume fest in der Hand, spring vom Wolkenpferd, und du wirst anmutig zur Erde hinabschweben. Es wird dir nicht wehtun. Dann kannst du nach Hause gehen, und ich hoffe, du kommst nicht zu spät zum Abendessen.“
„Aber“, begann Neville, „ich verstehe nicht –“
„Meine Zeit ist kostbar“, sagte das winzige gelbe Männchen und schüttelte ihm die Hand. „Auf Wiedersehen und gute Reise.“ Damit gab es dem Wolkenpferd einen kräftigen Klaps auf die Flanke, und im Nu jagte es in einem ganz fürchterlichen Tempo nach Westen.
Natürlich hält man das Fliegen, jetzt, da die Flugzeuge erfunden sind, nicht mehr für so wunderbar wie einst. Aber in einem Doppeldecker oder Eindecker mit achtzig oder hundert Meilen in der Stunde durch die Luft zu bummeln ist eine sehr zahme Angelegenheit, wenn man es damit vergleicht, auf einem Wolkenpferd mit dem Tag um die Wette um die Welt zu jagen. Und Neville ist sehr wahrscheinlich der einzige Mensch, der das bisher je getan hat.
Fast ehe er wusste, was geschehen war, hatte er den Abend weit hinter sich gelassen und ritt im hellen Tageslicht. Das Wolkenpferd war hoch in die Luft gestiegen, und Neville sah das weite Land mit Ebenen und Hügeln und Wäldern weit unter sich ausgebreitet. Einen Augenblick später lag nicht mehr Land unter ihm, sondern das weite Meer, das im strahlenden Sonnenlicht glitzerte.
Ehe er Zeit hatte, viel zu bemerken, hatte er den Mittag erreicht, hoch über einem seltsamen fremden Land, und jagte durch den Morgen der Morgendämmerung entgegen. So schnell flog er, dass er kaum Gelegenheit hatte, etwas deutlich zu sehen; aber er erhaschte Blicke auf viele seltsame Dinge. Viele Schiffe sah er auf dem Meer – kleine Schiffe und stattliche Dampfer, die wie seltsame Wasserkäfer über den Ozean krochen. Einmal, als das Wolkenpferd tief dahinzog, sah Neville ein wunderschönes Segelschiff mit allen Segeln gesetzt und seltsam aussehenden Männern an Deck. Sie sahen sehr nach Piraten aus, und vielleicht waren sie es auch; aber Neville hatte keine Zeit, sich zu vergewissern, denn schon in der nächsten Minute war er über einem wilden Land, wo er eine Horde schwarzer Männer mit Speeren und Keulen sah, die einen Elefanten durch eine Lichtung in einem großen Dschungel jagten. Während er hinsah, wandte sich der Elefant um, um die Jäger anzugreifen; aber was dann geschah, sah Neville nicht, denn einen Augenblick später war er über einer großen Stadt mit Menschenmengen in den Straßen – Menschen in seltsamen, bunten Kleidern –, und Glocken läuteten und Pfeifen schrillten. Dann breitete sich eine große Wüste unter ihm aus, ohne ein lebendes Wesen in Sicht außer einem großen gelbbraunen Löwen, der über den Sand streifte. Dann kam wieder das Meer und mehr Schiffe; und das Licht begann schwächer zu werden, denn er war fast den halben Weg um die Erde und näherte sich der Morgendämmerung.
Schwächer wurde das Licht und noch schwächer, gerade als käme der Abend – und vor sich sah Neville die Morgendämmerung wie ein silbernes Tor am Himmel. Geradewegs darauf zu stürmte das Wolkenpferd und hielt so plötzlich an, dass Neville beinahe heruntergefallen wäre.
„Was soll das? Was soll das?“, rief eine kleine Stimme; und Neville sah neben dem silbernen Tor ein kleines Männchen, das von Kopf bis Fuß in Silbergrau gekleidet war. Es war der Pförtner der Morgendämmerung, manchmal auch der Erste Sonnenstrahl genannt.
Ehe Neville antworten konnte, hatte das kleine graue Männchen die Himmelsblume erblickt.
„Ah, du hast den Talisman“, sagte es. „Tritt ein! Und bleib nicht zum Plaudern stehen, denn ich habe heute Morgen sehr viel zu tun. Gute Reise“, fügte es hinzu und klapste dem Wolkenpferd auf die Schulter; und im Nu war Neville durch die Morgendämmerung hindurch und tauchte in die Nacht ein.
Es war eine dunkle Nacht ohne Mond, denn der Himmel war mit dichten Wolken bedeckt. Über diesen flog das Wolkenpferd, und über sich sah Neville die dahinjagenden Sterne und unter sich nur die Schwärze schwerer Wolken. Aber öfter flog das Wolkenpferd tief, und dann gab es wenig zu sehen. An den Lichtern fahrender Schiffe erkannte Neville, dass er manchmal über dem Meer war. Manchmal sagten ihm funkelnde Lichter in Städten oder einsamen Gehöften oder das plötzliche Lichtermeer einer großen Stadt, dass das Land unter ihm lag. Einmal sah er durch die Schwärze einen großen Waldbrand auf einer Insel, und sein Schein erhellte das Meer und zeigte die Eingeborenen, die sich am Strand und im seichten Wasser drängten, und einige, die in Kanus davonfuhren.
Dann verschluckte die Dunkelheit das Wolkenpferd wieder, und die lodernde Insel blieb weit zurück.
Danach begann Neville, sich ein wenig schläfrig zu fühlen. Vielleicht schlief er sogar ein bisschen, denn das Nächste, was er sah, war ein schwaches Licht am Himmel vor ihm, als käme die Morgendämmerung. Aber er wusste, es musste der Abend sein, denn er kam zu dem Ort zurück, von dem er aufgebrochen war, und holte die Sonne ein. Sie müssen wissen, er war erst ein paar Minuten fort gewesen.
Das Wolkenpferd flog jetzt sehr tief; und rasch nahm die Dunkelheit ab. Dann, lange bevor er es erwartete, sah Neville das Dach seines eigenen Hauses unter sich. Er konnte den Garten in der Dämmerung sehen und seinen eigenen Hund, der zwischen den Bäumen herumschnüffelte, als suche er ihn.
Neville begann jetzt, ans Springen zu denken, und er war ziemlich nervös. Vielleicht würde er sanft landen, vielleicht auch nicht. Dafür hatte er nur das Wort des winzigen gelben Männchens.
Dann sah er zu seinem Entsetzen, dass sie sein Zuhause hinter sich gelassen hatten und über dem kahlen Hügel waren. Es war keine Zeit zu verlieren. Das Wolkenpferd trug ihn wieder in den Sonnenuntergang, und wenn es das tat, was würde dann der Oberkulissenschieber sagen?
Also packte Neville die Himmelsblume ganz fest, schloss die Augen und sprang. Er erwartete halb, schnell zu fallen und auf der Erde zu zerschellen; stattdessen aber schwebte er in der Luft wie eine Feder, schaukelte und trieb dahin und sank dabei die ganze Zeit langsam dem Boden entgegen. Es war wirklich ein sehr angenehmes Gefühl.
Der kahle Hügel lag unter ihm, während er langsam hinab, hinab, hinab sank.
Er konnte das Wolkenpferd sehen – jetzt kaum mehr als ein kleiner weißer Fleck –, wie es davonjagte, um den Sonnenuntergang einzuholen. Und immer noch sank er ganz, ganz langsam der Kuppe des kahlen Hügels entgegen.
Sein kleiner Hund hatte ihn jetzt erblickt und kam laut bellend aus dem Gartentor gestürmt und den kahlen Hügel herauf. Und er sank immer weiter der Erde entgegen, hinab, hinab, näher und näher – und dann, ganz plötzlich, schien er alles zu vergessen.
Das Nächste, woran sich Neville erinnerte, war, dass er etwas Nasses und Warmes auf seiner Wange spürte. Er öffnete die Augen und sah, dass der kleine Hund ihm das Gesicht leckte. Er setzte sich auf und blickte um sich. Er lag im Gras auf der Kuppe des kahlen Hügels; die Nacht war ganz nah, und der erste Stern begann gerade zu funkeln.
Dann, ganz plötzlich, erinnerte sich Neville an das Wolkenpferd und das kleine gelbe Männchen und das kleine silberne Männchen und den Oberkulissenschieber und die wunderbare Reise und alles Übrige.
„Nun, was für ein merkwürdiger Traum“, sagte Neville und streckte die Arme. Und als er das tat, fiel ihm die Himmelsblume aus der Hand.
Es war also doch kein Traum gewesen; denn wenn es einer war, wie sollte er sich dann diese Himmelsblume erklären? Er hob sie auf und trug sie sehr behutsam, als er sich zum Abendessen auf den Heimweg machte, seinen kleinen Hund dicht auf den Fersen.
„Was für eine schöne Blume!“, sagte Nevilles Mutter, als er nach Hause kam. „Wo um alles in der Welt hast du die her?“
„Das ist ein Stück echter Himmel“, sagte Neville stolz, als er sie ihr gab.
Seine Mutter lächelte ihn an und sagte: „Das ist sehr hübsch gesagt, und sie sieht wirklich aus wie ein kleines Stück Himmel. Aber natürlich kann es unmöglich ein echtes Stück sein.“
Da wusste Neville, dass seine Eltern es sehr, sehr schwer glauben würden, wenn er die Geschichte seines wunderbaren Ritts erzählte und zu erklären versuchte, dass er, seit er zum Spielen hinausgegangen war, einmal um die ganze Welt gewesen war. Also sagte er nichts, aß aber ein sehr gutes Abendessen.
Doch Nevilles Mutter stellte die Blume in eine Vase auf dem Kaminsims; und bis zum heutigen Tag steht sie dort, so frisch und leuchtend wie eh und je. Sie welkt nicht. Nevilles Mutter findet, das sei eine sehr seltsame und wunderbare Sache. Und das ist es auch.
Seit jenem Tag ist Neville, wenn er auf die Kuppe des kahlen Hügels geht, um einen Sonnenuntergang zu betrachten, fast sicher, dass er, gerade wenn das goldene Licht verblasst, ein kleines gelbes Männchen am Tor sehen kann; und es scheint ihm, als winke das kleine gelbe Männchen ihm fröhlich zu. Aber ob dem so ist oder nicht, Neville winkt immer zurück; und er ist sehr glücklich bei dem Gedanken, dass er einen guten Freund im Inneren des Sonnenuntergangs hat.
Aus dem Englischen übersetzt. Original lesen