Pferde in der Kunst
Das Holzpferd

Aus den bezaubernden Büchern über Raggedy Ann und Andy – diese Geschichte handelt von einem frechen kleinen Holzpferd.
Aus dem Buch Raggedy Andy Stories von Johnny Gruelle.
Der Weihnachtsmann hatte eine ganze Menge Spielzeug dagelassen.
Eines der Geschenke war ein Holzpferd, mit Baumwollflanell bezogen und mit einem in schwarze Farbe getauchten Pinsel leicht betupft, damit es wie ein Apfelschimmel aussah.
Raggedy Andy und das Holzpferd
Mit dem Holzpferd kam ein wunderschöner roter Wagen mit vier gelben Rädern. Meine Güte! Die Farbe war hübsch und glänzend.
Das Holzpferd war mit einem Geschirr aus Lackleder vor den Wagen gespannt; und es selbst stand stolz auf einem roten Brett, das auf vier kleinen Nickelrädern lief.
Zwar standen die Augen des Holzpferdes so weit auseinander wie die eines Kamels, sodass es von vorn betrachtet einem Kamel ziemlich ähnlich sah, doch es hatte weiche Lederohren und eine seidige Mähne und einen seidigen Schweif.
Es war hübsch anzusehen, das Holzpferd. Alle Puppen streichelten es, glätteten seine seidige Mähne und befühlten sein glänzendes Lackledergeschirr, in der ersten Nacht, in der sie mit ihm allein im Kinderzimmer waren.
Das Holzpferd hatte eine seltsame Stimme; die Puppen konnten es anfangs kaum verstehen, doch als seine Schüchternheit nachließ, sprach es ganz deutlich.
„Es ist das erste Mal, dass ich überhaupt zu sprechen versuche“, erklärte es, als es die anderen kennengelernt hatte, „und ich glaube, ich habe mit dem Bauch statt mit dem Kopf gesprochen!“
„Es wird dir hier im Kinderzimmer sehr gefallen!“, sagte Raggedy Andy. „Wir haben so viel Spaß und haben einander so lieb, dass ich weiß, dass du dich in deinem neuen Zuhause wohlfühlen wirst!“
„Das glaube ich bestimmt!“, antwortete das Holzpferd. „Dort, wo ich herkomme, standen wir – die anderen Pferde und ich – einfach stumm in den Regalen, schauten und schauten geradeaus und bewegten nicht einmal den Schweif.“
Das Holzpferd rollte über Raggedy Anns Fuß
„Versuch doch mal, ob du jetzt den Schweif bewegen kannst!“, schlug Henny, die holländische Puppe, vor.
Das Holzpferd begann, über den Boden des Kinderzimmers zu rollen, und wäre Raggedy Ann nicht im Weg gewesen, wäre es vielleicht gegen die Wand gestoßen. So aber rollte das Holzpferd gegen Raggedy Ann und warf sie um, kam jedoch nicht weiter, als seine Räder gegen ihren Stofffuß stießen.
Als das Holzpferd Raggedy Ann umgeworfen hatte, blieb es stehen, bis Onkel Clem, Henny und Raggedy Andy es von Raggedy Anns Füßen hoben. „Habe ich mit dem Schweif gewedelt?“, fragte es, als Raggedy Ann aufstand und ihre Schürze glatt strich.
„Versuch es noch einmal!“, sagte Raggedy Ann. „Ich konnte es nicht sehen!“ Sie lachte ihr fröhliches Stoffpuppenlachen, denn Raggedy Ann verlor nie die Fassung, ganz gleich, was geschah.
Daraufhin begann das Holzpferd rückwärts zu rollen und stieß Henny auf den Rücken, sodass er mit seiner quiekenden Stimme „Mama!“ rief.
Onkel Clem, Raggedy Ann und der Zinnsoldat hielten das Holzpferd alle fest und konnten es gerade noch anhalten, als es rückwärts aus der Tür des Kinderzimmers auf die Treppe zurollte.
Dann zogen die Puppen das Holzpferd zurück in die Mitte des Zimmers. „Komisch“, sagte es, „dass ich anfange, mich vorwärts oder rückwärts zu bewegen, wenn ich versuche, mit dem Schweif zu wedeln!“
„Ich glaube, das liegt daran, dass du so lange regungslos im Regal gestanden hast“, meinte Raggedy Andy. „Versuch doch mal, vorwärts zu rollen!“
Onkel Clem, der vor dem Holzpferd stand, sprang so hastig zur Seite, dass ihm die Füße wegrutschten, als wäre er auf glattem Eis ausgeglitten.
Das Holzpferd rollte nicht vorwärts, wie Onkel Clem erwartet hatte; stattdessen wedelte sein seidiger Schweif fröhlich über seinen Rücken.
„Juhu! Da, du hast mit dem Schweif gewedelt!“, riefen alle Puppen so freudig, als hätte das Holzpferd etwas wahrhaft Wunderbares vollbracht.
„Jetzt ist es einfach!“, sagte das Holzpferd. „Wenn ich vorwärts oder rückwärts will, versuche ich, mit dem Schweif zu wedeln, und dann rolle ich auf meinen glänzenden Rädern dahin; und wenn ich mit dem Schweif wedeln will, versuche ich, vorwärts oder rückwärts zu rollen, so!“ Doch statt vorwärts zu rollen, wedelte das Holzpferd mit dem Schweif. „Diesmal wollte ich mit dem Schweif wedeln!“, sagte es überrascht. „Jetzt rolle ich vorwärts!“ Und tatsächlich rollte das Holzpferd quer durch das Kinderzimmer.
Als es auf seinen glänzenden Rädern losrollte, rief Raggedy Andy: „Alles einsteigen!“, nahm einen kurzen Anlauf und sprang dem Holzpferd auf den Rücken. Onkel Clem, Raggedy Ann, Henny, die holländische Puppe, und Susan, die Puppe ohne Kopf, kletterten alle in den hübschen roten Wagen.
Das Holzpferd fand das herrlich und drehte Runde um Runde durch das Kinderzimmer. Seine glänzenden Räder und die hübschen gelben Räder des roten Wagens quietschten so laut, dass keine der Puppen die Rufe der winzigen Pfennigpuppen hörte, die zu klein waren, um aufzusteigen. Schließlich, als die Wagenladung Puppen an den Pfennigpuppen vorbeifuhr, bemerkte Raggedy Andy die beiden kleinen Knirpse, die zusammen dastanden und den Spaß verpassten; also lehnte er sich, als das Pferd an ihnen vorbeisauste, weit zur Seite, fing beide Pfennigpuppen mit seinen starken Stoffarmen auf und hob sie auf einen Platz auf dem breiten Rücken des Holzpferdes.
„Hurra!“, riefen alle Puppen, als sie Raggedy Andys Kunststück sahen. „Das war ja wie in einer Wildwestshow!“
„Wir müssen alle zusammen so viel Spaß haben, wie wir nur können!“, sagte Raggedy Andy.
„Recht so!“, rief Onkel Clem. „Je mehr Spaß wir einander bereiten, desto mehr Spaß hat jeder von uns!“
Das Holzpferd drehte sehr viele Runden durch das Kinderzimmer, denn es gefiel ihm sehr, das fröhliche Lachen der Puppen zu hören, und es dachte bei sich: „Wie glücklich werde ich sein, wenn ich mit so einer lustigen Gesellschaft zusammenlebe.“
Doch gerade als es an der Tür vorbeifahren wollte, ertönte ein Geräusch auf der Treppe, und als das Holzpferd es hörte, blieb es so plötzlich stehen, dass Raggedy Andy und die Pfennigpuppen ihm glatt über den Kopf flogen und die Puppen vorn im Wagen auf Raggedy Andys Platz auf dem Rücken des Pferdes landeten.
Sie blieben genau so liegen, wie sie gefallen waren, denn niemand sollte ahnen, dass sie sich bewegen oder sprechen konnten.
„Ha! Ha! Ha! Ich wusste doch, dass ihr eine Menge Spaß habt!“, rief eine fröhliche Stimme.
Da kletterten alle Puppen sofort wieder auf ihre alten Plätze, denn sie erkannten die Stimme der französischen Puppe.
Doch wie überrascht waren sie, als sie sahen, dass sie ein wunderschönes Feenkostüm trug und ihre hübschen Locken hinter ihr herflogen, als sie auf sie zulief.
Raggedy Andy wollte gerade wieder auf den Rücken des Pferdes klettern, als die französische Puppe selbst hinaufsprang, leicht auf einem Fuß balancierte und so stehen blieb, während das Holzpferd so schnell es konnte durch das Kinderzimmer rollte.
Raggedy Andy und die beiden Pfennigpuppen liefen dem Wagen hinterher und kletterten mit Hilfe von Onkel Clem und Raggedy Ann hinten hinauf.
Als das Holzpferd schließlich anhielt, sagten alle Puppen: „Das ist der größte Spaß, den wir seit Langem hatten!“
Das Holzpferd, durch dessen hölzernen Körper ein Glücksschauer lief, rief: „Das ist der größte Spaß, den ich je hatte!“
Und die Puppen wussten, auch wenn sie es ihm nicht sagten, dass es den größten Spaß gehabt hatte, weil es ihnen die größte Freude bereitet hatte.
Denn wie Sie sicher wissen, sind es die Selbstlosesten, die die größte Freude gewinnen, weil sie anderen Glück schenken.
Aus dem Englischen übersetzt. Original lesen