Pferde in der Kunst

Ivan und das fuchsrote Pferd

· The Equinest

Junger Mann auf einem fuchsroten Pferd
Eine Erzählung aus Edmund Dulac’s Fairy Book, Fairy Tales of the Allied Nations. Diese Geschichte ist ein russisches Märchen

In einem fernen Land, dessen Namen man die Leute dafür bezahlt, tief geheim zu halten, lebte ein alter Mann, der seine drei Söhne ganz genau so erzog, wie es sich gehörte. Er lehrte sie Lesen, Schreiben und Rechnen und zeigte ihnen auch, welche Bücher sie lesen sollten und wie man sie liest. Auf ihre Bildung achtete er besonders sorgfältig, denn er hatte gelernt, dass Dinge zu wissen heißt, Dinge tun zu können.

Als er schließlich im Sterben lag, versammelte er seine drei Söhne um sein Sterbebett und ermahnte sie.

„Vergesst nicht“, sagte er, „vergesst nicht, an mein Grab zu kommen und die Gebete darüber zu lesen.“

„Wir werden es nicht vergessen, Vater“, antworteten sie.

Die beiden älteren Brüder waren große, stramme Burschen, doch der jüngste, Ivan, war noch ein halbes Kind. Als sie alle um das Bett ihres sterbenden Vaters standen, wirkte er neben seinen stolzen, kräftigen älteren Brüdern wie ein bloßes Schilfrohr. Doch seine Augen waren voller Feuer und Geist, und der feste Zug um seinen Mund verriet große Entschlossenheit. Und als der Vater seinen letzten Atemzug getan hatte und die beiden älteren Brüder hemmungslos weinten, stand Ivan schweigend da, das blasse Gesicht starr und die Augen voll vom hellen Glanz der Tränen, die nicht fließen wollten.

Am Tag, an dem sie ihren Vater begruben, kehrte Ivan am Abend zum Grab zurück, um die Gebete darüber zu lesen. Er hatte es getan und war auf dem Heimweg, als hinter ihm lautes Hufgeklapper ertönte; dann, als er den Dorfplatz erreichte, zügelte der Reiter sein Pferd und stieg ganz in seiner Nähe ab.[Pg 64] Nachdem er einen lauten Stoß auf seiner silbernen Trompete geblasen hatte – denn er war der Bote des Königs –, rief er mit lauter Stimme:

„Alle Männer, Frauen und Kinder, ein jeder und eine jede, hört her im Namen des Königs. Es ist des Königs Wille, dass diese Verkündigung in jeder Stadt und jedem Dorf ausgerufen werde, in denen seine Untertanen wohnen. Die Tochter des Königs, Prinzessin Helena die Schöne, hat sich einen Schrein errichten lassen, der zwölf Säulen und zwölf Reihen von Balken hat. Und sie sitzt dort auf einem hohen Thron, bis der Bräutigam ihrer Wahl vorbeireitet. Und daran soll sie ihn erkennen: Mit einem einzigen Sprung seines Rosses erreicht er die Höhe des Turms, und im Vorüberfliegen drücken sich seine Lippen auf die der Prinzessin, während sie sich von ihrem Thron herabneigt. Darum hat der König befohlen, dies im ganzen Land zu verkünden, in seiner ganzen Länge und Breite: Wer sich für fähig hält, so die Lippen der Prinzessin zu erreichen und sie zu gewinnen, der versuche es. Im Namen des Königs habe ich gesprochen!“

Wo immer diese Verkündigung erging, entflammte das Blut der Jugend des Landes und sprang empor, um die Lippen von Prinzessin Helena der Schönen zu berühren. Alle fragten sich, wem dieses glückliche Los zufallen würde. Manche sagten, dem Kühnsten, andere behaupteten, es komme auf die Sprungkraft des Rosses an, und wieder andere meinten, es hänge nicht nur vom Ross ab, sondern auch vom kühnen Geschick des Reiters.

Als die drei Brüder die Worte des königlichen Boten gehört hatten, sahen sie einander an; zumindest die beiden älteren taten es, denn ihnen war klar, dass Ivan, der jüngste, beim Wettstreit gar nicht in Frage kam, während sie, zwei prächtige, schöne Burschen, ganz eindeutig dabei waren.

„Brüder“, sagte Ivan schließlich, „unser erster Gedanke muss sein, den letzten Wunsch unseres Vaters zu erfüllen. Aber wenn es euch lieber ist, könnten wir uns damit abwechseln, die Gebete über dem Grab unseres Vaters zu lesen. Jeden Tag soll es die Aufgabe eines von uns sein, diese Pflicht zu erfüllen, morgens und abends.“

Die älteren Brüder waren sofort damit einverstanden, doch als Ivan fragte, wer am nächsten Tag an der Reihe sein solle, begannen beide, Ausreden zu suchen.

„Was mich betrifft“, sagte der älteste, „so muss ich mich um die Arbeit auf dem Hof kümmern, den mir mein Vater hinterlassen hat, und das wird sieben Tage dauern.“

„Und ich“, sagte der jüngere, „muss mich um das Gut kümmern, das mein Teil des Erbes ist, und auch das wird sieben Tage dauern.“

„Dann“, erwiderte Ivan, „wenn ich die Pflicht sieben Tage lang erfülle, werdet ihr danach jeder euren Teil übernehmen?“

Seine Brüder willigten noch bereitwilliger ein als zuvor. Dann gingen sie ihrer Wege, Ivan voller Gedanken an seinen Vater, und die beiden anderen, um ihre Springpferde zu trainieren, der eine auf seinem Hof und der andere auf seinem Gut. Und beide lachten in sich hinein, denn keiner wusste von den Absichten des anderen.

Wie sie sich die Haare lockten und die Zähne putzten und mit dem Mund dicht vor dem Spiegel ‚Pflaumen und Prismen‘ übten! – damit sie, wenn sie mit einem einzigen Satz ihrer prächtigen Rosse die Höhe der Lippen der Prinzessin erreichten, um den Kuss zu platzieren, der den Preis gewinnen sollte, eine stattliche und siegreiche Figur abgäben. Was ihren kleinen Bruder anging, so dachte jeder von ihnen, er könne über dem Grab ihres Vaters beten, so lange er wolle – das sei das Beste, was er tun könne, und es stehe ihren geheimen Plänen nicht im Weg, die sie so sorgsam voreinander und vor ihm verbargen.

So jagten sie sieben Tage lang, jeder in seiner Gegend, tagsüber auf ihren Pferden umher und träumten nachts von den größten Sprungkunststücken. Und am Ende der sieben Tage rief der jüngste Bruder sie zusammen, damit sie ihre Abmachung einhielten, und fragte, wer von ihnen in den zweiten sieben Tagen die Gebete morgens und abends lesen werde.

„Ich habe meinen Teil getan“, sagte er, „nun ist es an euch, unter euch auszumachen, wer die heilige Pflicht fortsetzt.“

Die beiden älteren Brüder sahen einander an und dann Ivan.

„Was mich betrifft“, sagte der eine, „so ist es mir ziemlich gleich, wer es tut, solange ich frei bin, meinen Geschäften nachzugehen, die wichtiger sind.“

„Und was mich betrifft“, sagte der andere, „so habe ich keine Lust, jedem[Pg 66] Grashalm auf dem Grab beim Wachsen zuzusehen. Ich kann mir die Zeit wirklich nicht leisten, ich bin so beschäftigt. Du, Ivan – du bist anders: Du bist kein Geschäftsmann; wie könntest du deine Zeit besser verbringen, als die Gebete über dem Grab unseres Vaters zu lesen?“

„So sei es“, erwiderte Ivan. „Geht ihr zurück an eure Arbeit, und ich kümmere mich weitere sieben Tage um die heilige Pflicht.“

Die beiden älteren Brüder gingen getrennte Wege und widmeten sich weitere sieben Tage lang ganz und gar dem Training ihrer Pferde für den fliegenden Sprung zu den Lippen der Prinzessin. Wie sie wie toll über die Felder jagten! Wie sie über Hecken und Gräben sprangen! Wie sie sich die Haare lockten und die Schnurrbärte färbten und ihre Lippen übten, nicht nur an ‚Pflaumen und Prismen‘, sondern auch an ‚Pfirsichen der Passion‘ und ‚Pomeranzen‘ und ‚peripatetischer Perambulation‘ und an allem, was ihnen sonst einfiel! Ja, sie widmeten den Lippen, die oben am Gipfel des fliegenden Sprungs die der Prinzessin treffen sollten, so viel Aufmerksamkeit, dass sie anfingen, ihre eigenen Mahlzeiten und die ihrer Pferde zu vernachlässigen. Mit anderen Worten: Sie zeigten erste Anzeichen von Übertraining.

Am Ende der zweiten sieben Tage rief Ivan sie wieder zu einem Familienrat zusammen und fragte sie, ob nun einer von ihnen die heilige Pflicht übernehmen könne. Aber nein; mit schweren Gedanken an Pferde und Lippen, an hohe Sprünge und Küsse sprachen sie leichthin von Feldern, die bestellt, und Saat, die ausgesät werden müsse, und von all den Dingen, die sofort erledigt werden müssten. Ihre Ansicht war – und darüber wurden sie sich ganz einig –, dass Ivan mehr als entzückt sein müsse, diese angenehme Last zu tragen und die Gebete über dem Grab seines Vaters zu lesen. Ja, nur der strenge Ruf unaufschiebbarer Pflicht könne sie dazu bewegen, auf eine so angenehme Aufgabe zu verzichten.

„So sei es“, sagte Ivan; „ich werde die heilige Pflicht weitere sieben Tage erfüllen.“ Doch während er sprach, bemerkte er die gelockten Haare und gefärbten Schnurrbärte seiner Brüder und schloss daraus und aus dem Blick plötzlichen Argwohns und plötzlicher Eifersucht, den sie wechselten, dass beide in dieselbe Schöne verliebt waren. Doch er behielt es für sich und überließ sie ihren eigenen Angelegenheiten.

Wieder, am Ende von sieben Tagen, als Ivan die Gebete[Pg 67] andächtig gelesen hatte, rief er seine Brüder zusammen. Doch sie kamen nicht. Beide ließen ausrichten, sie seien schrecklich beschäftigt, und ob er so gut sein wolle, die heilige Pflicht weiter zu erfüllen, bis sie sich später freimachen könnten, um ihren Teil zu übernehmen. Ivan nahm ihre Botschaften hin und las weiter die Gebete über dem Grab des Vaters.

Unterdessen bereitete sich jeder seiner Brüder auf den großen fliegenden Sprung vor; und jeder sagte sich: „Was ist mit Ivan? Er würde diese große Heldentat gern sehen. Es könnte einen Mann aus ihm machen. Ihm fehlt es völlig an Ehrgeiz, und eine große Tat mit anzusehen, könnte ihn anspornen, selbst ein großer Held werden zu wollen. Aber dennoch – ich fürchte, das geht nicht. Er ist so schmächtig, so unbedeutend. Ich glaube, ich würde nur verlieren, wenn ein solcher Bruder in der Nähe wäre. Nein; er ist viel besser dabei aufgehoben, die Gebete über dem Grab unseres Vaters zu lesen.“

So beschloss jeder auf seine Weise, allein anzutreten – getrennt vom anderen und getrennt von Ivan.

Der Morgen des großen Tages brach an. Der älteste Bruder hatte aus seinen Pferden einen prächtigen Rappen mit gewölbtem Hals und wallender Mähne und wallendem Schweif gewählt. Der zweite Bruder hatte einen ebenso prächtigen Braunen ausgesucht. Und nun, bei Sonnenaufgang, kämmten sie, ohne voneinander zu wissen, ihr gut gelocktes Haar, färbten ihre Schnurrbärte nach und stiefelten und rüsteten sich für die wunderbare Zurschaustellung von Tapferkeit, die der Tag bringen sollte. Und sie vergaßen nicht, sich zu vergewissern, dass ihre Lippen ebenso bereit waren, wie sie selbst begierig auf den „hohen Kuss“ waren.

Zur festgesetzten Zeit ritten sie in die Schranken und zogen ihre Lose, und keiner war sonderlich überrascht, seinen Bruder unter der Schar der Bewerber um die Hand Helenas der Schönen zu sehen. Die Überraschung kam erst später, als Ivan auf dem Schauplatz erschien.

Das ging folgendermaßen zu: Gegen Abend, als seine beiden Brüder jeder ihren letzten Versuch unternommen hatten, zu den Lippen der Prinzessin hinaufzuspringen, und wie alle anderen gescheitert waren, las Ivan gerade die Gebete über dem Grab seines Vaters. Plötzlich überkam ihn eine große Gemütsbewegung, und er hielt im Lesen inne. Er wurde von der Sehnsucht erfüllt, nur ein einziges Mal das Gesicht Helenas der Schönen zu sehen, um[Pg 68] deren Gunst, wie er wusste, die Prächtigsten des Landes mit ihren wunderbaren Rossen wetteiferten. So stark war diese Sehnsucht, dass er zusammenbrach und, über das Grab seines Vaters gebeugt, bitterlich weinte.

Und da geschah etwas Seltsames. Sein Vater hörte ihn in seinem Sarg, schüttelte die feuchte Erde ab, kam heraus und stand vor ihm.

„Weine nicht, Ivan, mein Sohn“, sagte er. Und Ivan blickte auf und erschrak bei seinem Anblick.

„Nein, mein Sohn, fürchte dich nicht vor mir“, fuhr sein Vater fort. „Du hast meinen letzten Wunsch erfüllt, und ich will dir in deiner Not helfen. Du wünschst, das Gesicht Helenas der Schönen zu sehen, und so soll es geschehen.“

Damit richtete er sich auf, und seine Erscheinung war gebieterisch. Dann rief er mit lauter Stimme, und als das Echo seiner Worte zu verhallen begann, hörte Ivan, wie es sich in den fernen Hufschlag eines Pferdes verwandelte. Nachdem er eine Weile gelauscht hatte, rief sein Vater erneut, und diesmal war das Echo das Wiehern eines Pferdes und galoppierende Hufe. Es schien von jenseits des Hügels zu kommen, und Ivan blickte auf und staunte. Ein drittes Mal rief sein Vater, und näher und näher kam das Galoppgeräusch, bis schließlich mit donnerndem Schnauben und hellem Wiehern ein wunderschönes fuchsrotes Pferd erschien, dreimal um sie herumgaloppierte und dann vor ihnen zum Stehen kam, die beiden Vorderhufe dicht beieinander, und aus Augen, Ohren und Nüstern schossen ihm Feuerflammen.

Dann erklang eine Stimme, und Ivan wusste, dass es die Stimme des fuchsroten Pferdes mit dem stolz gewölbten Hals und der wallenden Mähne war:

„Was ist dein Wille? Befiehl, und ich gehorche!“

Der Vater nahm Ivan bei der Hand und führte ihn zum Kopf des Pferdes.

„Kriech hier ins rechte Ohr hinein“, sagte er, „geh hindurch und komm zum linken Ohr wieder heraus. Dadurch wirst du dem Pferd befehlen können, und es wird alles tun, was du dir von einem Pferd nur wünschen kannst.“

So kroch Ivan, ohne zu zweifeln, in das rechte Ohr des fuchsroten Pferdes hinein und kam zum linken wieder heraus; und sogleich ging[Pg 69] eine wunderbare Veränderung mit ihm vor. Er war kein verträumter Jüngling mehr: Er war mit einem Mal ein Mann der Tat, und das Licht eines hohen Ehrgeizes leuchtete in seinen Augen.

„Sitz auf! Geh und gewinne Prinzessin Helena die Schöne!“, sagte sein Vater und verschwand sogleich.

Mit einem Satz saß Ivan auf dem fuchsroten Pferd, und im nächsten Augenblick jagten sie blitzschnell auf den Schrein Helenas der Schönen zu.

Die Sonne ging unter, und die beiden älteren Brüder wollten sich gerade untröstlich vom Platz zurückziehen, als sie, aufgeschreckt von den Rufen der Leute, ein Ross herangaloppieren sahen, gut geritten und in rasendem Tempo. Sie drehten sich um und bemerkten, wie Helena die Schöne, von allen anderen enttäuscht, sich hinauslehnte, um den heranstürmenden Reiter zu beobachten. Und die ganze Menge wandte sich um und wartete gespannt auf das, was geschehen mochte.

Heran kam das fuchsrote Pferd, aus den Nüstern Feuer schnaubend, unter seinen Hufen bebte die Erde. Es näherte sich dem Schrein und erhob sich unter meisterhafter Zügelführung zu einem fliegenden Sprung. Der kühne Reiter blickte hinauf, und die Prinzessin neigte sich herab, doch er konnte ihre Lippen nicht erreichen, so bereit sie auch waren.

Das ganze Feld stand nun gebannt da, als das fuchsrote Pferd mit seinem Reiter einen Kreis zog und erneut heranstürmte. Und diesmal trug das tapfere Ross seinen Reiter mit einem prächtigen Sprung so hoch hinauf, dass der duftende Atem der Prinzessin seine Nase zu streifen schien, und doch trafen seine Lippen nicht die ihren.

Wieder zogen sie einen Kreis, während alle still und gespannt dastanden. Wieder erhob sich das fuchsrote Ross zum Sprung, und diesmal trafen Ivans Lippen die der Prinzessin zu einem langen, süßen Kuss, denn das fuchsrote Pferd schien oben auf dem Gipfel seines Sprungs in der Luft zu verweilen, solange dieser Kuss währte.

Dann, während die Prinzessin ihnen nachsah, erreichten Pferd und Reiter den Boden und verschwanden wie der Blitz.

Sofort strömte die Menge der Zuschauer herbei.

„Wer ist er? Wo ist er?“, rief es von allen Seiten. „Er[Pg 70] hat sie auf die Lippen geküsst, und sie hat ihn geküsst. Seht sie euch an! Ist es nicht wahr?“

Es war wahr, denn Prinzessin Helena die Schöne beugte sich mit dem Leuchten der Liebe in den Augen herab und suchte mit ganzer Seele selbst nach dem kleinsten Staubkorn, das die Hufe des Pferdes ihres Liebsten aufgewirbelt hatten. Doch sie konnte nichts sehen und sank in ihren Schrein zurück, den Kuss auf ihren Lippen wie einen Schatz hütend; während die Leute, unzufrieden, aber voller Staunen, sich verliefen. Unter ihnen gingen die prächtigen Brüder und überlegten, wie sie ihre gut trainierten Pferde gewinnbringend verkaufen könnten, denn beide waren den Lippen der Prinzessin zum Verzweifeln nah gekommen.

Wohin war Ivan auf dem fuchsroten Pferd geflogen? Er ließ die Zügel locker – ihm lag an nichts als an dem Kuss –, ließ sein Ross laufen, und bald kam es vor dem Grab seines Vaters zum Stehen. Dort stieg er ab und ließ das Pferd frei. Als sei sein Auftrag erfüllt, galoppierte es davon; ein Regenbogen kam herab, ihm entgegen, und schien es, sich schließend, in seine Falten zu hüllen und mit sich fortzureißen. Ivan war allein vor dem Grab seines Vaters.

Noch einmal verneigte er sich im Gebet. Noch einmal erschien ihm sein Vater.

„Du hast wohlgetan, o mein Sohn“, sagte er. „Du hast meinen letzten Wunsch erfüllt, doch mein Wunsch für das Leben ist noch zu erfüllen. Morgen wird Helena die Schöne das Volk zusammenrufen und ihren Bräutigam verlangen. Sei du dort, aber sage nichts.“

Damit fand Ivan sich allein.

Am folgenden Tag gab es eine große Versammlung im Palast, und in ihrer Mitte saß Prinzessin Helena die Schöne und verlangte nach ihrem Bräutigam – dem, der zu ihren Lippen emporgesprungen war und sie vor allen anderen gewonnen hatte. Ihr Herz und ihre Seele und ihr Leib gehörten ihm. Die Hälfte ihres künftigen Königreichs gehörte ihm. Sie selbst gehörte ihm – wo war er?

Man suchte unter den Höchsten des Landes, doch aus Furcht, man könnte eine Wiederholung des Sprungs und des Kusses verlangen, trat keiner vor. Ivan saß ganz hinten, ein bescheidener Zuschauer.

„Sie denkt an diesen Sprung und diesen Kuss“, sagte er zu sich. „Wenn sie mich sieht, wie ich bin, dann soll sie urteilen.“[Pg 71] Doch die Liebe, obwohl blind, hat Augen. Die Prinzessin erhob sich von ihrem Sitz und ließ den Blick über das Volk schweifen. Sie sah die beiden schönen älteren Brüder und ging an ihnen vorüber wie an bloßem Schmutz. Dann erspähte sie im Licht der Liebe, in einer Ecke sitzend, wo die Lichter gedämpft waren, den Helden des fuchsroten Pferdes – den, der hoch gesprungen war und ihre Lippen zum ersten süßen Kuss der Liebe erreicht hatte.

Sie erkannte ihn sofort, und während alle staunend zusahen, ging sie in jene dämmrige Ecke, nahm ihn wortlos bei der Hand und führte ihn hinauf, am Ehrenthron vorbei, in ein Vorzimmer, wo sich ihre Lippen, während die Freudenrufe des Volkes in ihren Ohren klangen, ein zweites Mal trafen – auf dem Gipfel eines Freudensprungs.

In diesem Augenblick trat der König ein, der alles wusste.

„Was ist das?“, sagte er.

Dann lächelte er, denn er verstand seine Tochter und wusste, dass sie sich nicht nur ihren Liebsten erwählt, sondern ihre Wahl auch gewonnen hatte.

„Mein Sohn“, fügte er hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten, „du und die Deinen werden nach mir herrschen. Sieh zu! Und jetzt lasst uns zu Abend essen.“

Pferdebücher

Aus dem Englischen übersetzt. Original lesen