Pferde in der Kunst
Der Pferdestemmer

Die heutige Geschichte stammt von Lyman Bryson. Es ist eine seltsame kleine Erzählung von einem tollpatschigen Karrengaul und einem sehr, sehr starken Grabenarbeiter.
„Warum solltest du denn müde sein?“, fragte seine Frau und klatschte die Arme wütend in den Seifenschaum, während sie die letzte Wäsche des Tages ausspülte. „Du hast doch den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als Dreck zu schaufeln und auszuruhen, wenn dein Vorarbeiter nicht hinschaut.“
„Ach, geh, ich bin ein hart arbeitender Mann“, sagte Kallaher. „Und außerdem kann ich mich darüber beklagen, wann immer ich will, ohne dass du deinen Senf dazugibst. Ich bin müde. Wann gibt’s Abendessen?“
„Abendessen gibt’s, sobald ich mir die Arme abgetrocknet und einmal tief Luft geholt habe.“ Mrs. Kallaher machte sich streitlustig daran, ihm das Abendessen zu richten.
Kallaher streckte seine kurzen Beine vor sich aus und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Es war ein harter Tag“, sagte er sanft. „Als ob es nicht genug wäre, dass ich mir mit der Schaufel und allem das Kreuz breche, hat ein Dummkopf sein Pferd zu nah an den Graben gelenkt, und das dumme Vieh ist mir auf den Kopf gefallen.“
„Das ist ja wahrscheinlich – oder etwa nicht? –, wo du doch hier sitzt und davon erzählst!“
„Ob du es glaubst oder nicht, es ist passiert.“ Kallaher faltete die Hände über der Stelle, an der er keinen Gürtel trug, und seufzte. „Aber ich habe es wieder rausgehievt und weitergearbeitet, ohne mir eine Pause zu gönnen oder sonst was.“
Mrs. Kallaher hätte vielleicht noch einmal ihren Unglauben kundgetan, doch gerade da steckte die alte Mutter Coogan, die Nachbarin von nebenan, ihr rotes, aufgeregtes Gesicht durch die Küchentür.
„Mary Kallaher, ist dein Mann zu Hause?“
„Warum sollte er nicht?“
Mrs. Coogan trat ein und blieb stehen, in der einen Hand eine Zeitung, mit der anderen deutete sie theatralisch auf Kallaher. „Mag sein, aber so sieht er nicht aus“, sagte sie.
Ehe sie fragen konnten, begann sie aus der Zeitung vorzulesen: „Mike Kallaher, Grabenarbeiter am neuen Abwasserkanal in der Twelfth Street, ist ein kleiner, aber gewaltiger Mann. Ein Pferd, das heute zu nah an den Graben gelenkt wurde, stürzte hinein. ‚Herrgott‘, sagte Mike, ‚kann ein Mann denn nicht in Ruhe arbeiten?‘ Er legte die Schaufel weg, spuckte in die Hände und stemmte das Pferd zurück auf die Straße. Der Vorarbeiter dachte, er sei verletzt worden, als das Pferd hineinfiel, doch dem war nicht so, und es störte ihn nicht im Geringsten, es wieder hinauswerfen zu müssen. Er machte sich wieder an seine Grabarbeit.“
„Zeig mal her, die Zeitung.“ Kallaher stand auf und nahm sie ihr aus der Hand. Langsam ging er die Geschichte durch – die der Reporter, der sie geschrieben hatte, für überaus geistreich gehalten hatte. „Jo“, sagte er schließlich, „das bin ich, ganz recht.“
Mrs. Coogan betrachtete ihn voller Respekt. „Ich habe vorher nie viel von dir gehalten, Mike Kallaher, aber du bist der einzige Mann, den ich kenne, der ein Pferd hochheben kann.“ Sie wandte sich an seine Frau. „Kein Wunder, dass du eine sanftmütige Frau bist, Mary, aber auf so einen Mann solltest du stolz sein, wahrhaftig.“
„Kommst du jetzt mal mit dem Abendessen voran?“, fragte Kallaher die sprachlose Mrs. Kallaher mit gewaltiger Stimme. „Mach schnell, sonst kriegst du, was du verdienst.“
Nie zuvor hatte er gewagt, eine Drohung so auszusprechen, als meinte er sie ernst. Seine Frau wurde von plötzlicher Ehrfurcht ergriffen. Sie schnappte nach Luft und deckte eilig und schweigend den Tisch. Sie zitterte und ließ eine Schüssel fallen.
„Du armer Trampel!“, brüllte ihr Mann und reckte sich zu seiner vollen Größe von fünf Fuß zwei auf. „Bist du so schwach, dass du nicht mal einen Topf halten kannst?“
„Verzeih, Michael“, murmelte sie. „Verzeih, mein Mann. Ich war aufgeregt.“
Mrs. Coogan sah mit Wohlgefallen, wie Kallaher seine Frau herumkommandierte, und ging die Straße hinunter, um es der Nachbarschaft zu erzählen.
In Mike Kallahers Küche – denn sie war plötzlich seine eigene geworden, nachdem sie fünfzehn Jahre lang seiner Frau gehört hatte – gehorchte eine arme, sanftmütige, unglücklich dreinblickende Irin seinen Befehlen. Sie zuckte zusammen, wenn er sie anbrüllte, was er alle zwei Minuten tat, um sie zusammenzucken zu sehen, bat ihn um Verzeihung, brachte ihm seine Pfeife und sah schweigend zu, wie er die Asche absichtlich auf dem frisch geschrubbten Boden ausklopfte. Ein Mann, der ein Pferd aus einem Graben werfen konnte, würde vor nichts zurückschrecken.
Als der neue Herrscher in seinem Stuhl saß und verächtlich an seiner Sklavin vorbeiblickte, die ihn zaghaft beobachtete, klopfte es an der Tür. Mikes Brust war allmählich müde geworden, weil er sie so weit herausgestreckt hatte, und er ließ seufzend die Luft entweichen.
Ein gewandter junger Mann wurde hereingelassen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Mike Kallaher wirklich hier wohnte, fragte er Mike, wie es ihm gehe.
„Gut“, lautete die trotzige Antwort.
„Keine Verletzungen von Ihrem kleinen Abenteuer heute Nachmittag?“
„Verletzt, soll ich sein? Kein bisschen – kein bisschen.“
„Das freut mich zu hören. Ich bin stellvertretender Geschäftsführer der Burke Construction Company. Wir haben gehört, dass heute eines unserer Pferde auf Sie gefallen ist, also bin ich vorbeigekommen, um zu helfen, falls Sie verletzt sind. Wir dachten, wir könnten uns ein paar Hundert Dollar für Arztrechnungen leisten.“ Der junge Mann lächelte freundlich. „Aber da Sie nicht verletzt sind und das so bereitwillig zugeben, wird uns dieses Vergnügen nicht vergönnt sein. Auf Wiedersehen.“ Er stand auf und ging.
Kallaher hatte vergessen, die Brust wieder herauszustrecken. Er saß zusammengesunken auf seinem Stuhl. Seine Frau war nicht mehr zaghaft.
„Pferdestemmer, soll das sein?“ Sie rückte drohend näher. „Pferdestemmer? Du armer Ire! Da geht sie hin, deine Chance, ein Krüppel fürs Leben zu sein und reich zu sterben.“
Sie zog sein Gesicht an den Stirnhaaren hoch und ohrfeigte ihn wie eine Mutter.
„Pferdestemmer, soll das sein? Da hast du’s!“
Und Kallaher nahm es hin.
Aus dem Englischen übersetzt. Original lesen