Pferde in der Kunst
Das Zauberpferd

Eine Pferdegeschichte aus den wunderbaren Arabian Nights Entertainments, ausgewählt und herausgegeben von Andrew Lang.
Es war das Neujahrsfest, das älteste und prächtigste aller Feste im Königreich Persien, und der König hatte den Tag in der Stadt Schiras verbracht und an den großartigen Schauspielen teilgenommen, die seine Untertanen zu Ehren des Festes vorbereitet hatten. Die Sonne ging unter, und der Herrscher wollte seinem Hof gerade das Zeichen zum Aufbruch geben, als plötzlich ein Inder vor seinem Thron erschien. Er führte ein reich aufgezäumtes Pferd, das in jeder Hinsicht genau wie ein echtes aussah.
„Majestät“, sprach er und warf sich dabei zu Boden, „auch wenn ich so spät vor Eurer Hoheit erscheine, kann ich Euch voller Zuversicht versichern, dass keines der Wunder, die Ihr heute gesehen habt, sich mit diesem Pferd vergleichen lässt, wenn Ihr geruht, einen Blick darauf zu werfen.“
„Ich sehe darin nichts“, erwiderte der König, „als die geschickte Nachbildung eines echten Pferdes; das könnte jeder begabte Handwerker ebenso.“
„Majestät“, entgegnete der Inder, „nicht von seiner äußeren Gestalt möchte ich sprechen, sondern davon, wozu ich es gebrauchen kann. Ich muss es nur besteigen und mich an einen bestimmten Ort wünschen, und ganz gleich, wie weit entfernt dieser sein mag, in wenigen Augenblicken bin ich dort. Das, Majestät, macht das Pferd so wunderbar, und wenn Eure Hoheit es mir erlaubt, könnt Ihr Euch selbst davon überzeugen.“
Der König von Persien, der sich für alles Außergewöhnliche begeisterte und noch nie einem Pferd mit solchen Eigenschaften begegnet war, hieß den Inder aufsitzen und zeigen, was es konnte. Im Nu hatte sich der Mann auf seinen Rücken geschwungen und fragte, wohin der Herrscher ihn schicken wolle.
„Siehst du jenen Berg?“, fragte der König und deutete auf ein gewaltiges Massiv, das etwa drei Meilen von Schiras entfernt in den Himmel ragte. „Reite hin und bring mir das Blatt einer Palme, die an seinem Fuß wächst.“
Kaum waren die Worte aus dem Mund des Königs, als der Inder an einer Schraube drehte, die am Hals des Pferdes dicht vor dem Sattel saß, und das Tier schoss wie ein Blitz in die Luft und war bald selbst den schärfsten Augen entschwunden. Nach einer Viertelstunde sah man den Inder zurückkehren, das Palmblatt in der Hand. Er lenkte sein Pferd bis an den Fuß des Thrones, stieg ab und legte das Blatt vor dem König nieder.
Kaum hatte der Herrscher die erstaunliche Geschwindigkeit des Pferdes erlebt, als er sich danach sehnte, es selbst zu besitzen, und er war sich so sicher, dass der Inder es ihm bereitwillig verkaufen würde, dass er es bereits als sein Eigentum betrachtete.
„Seinem bloßen Äußeren nach hätte ich nie vermutet, welch wertvolles Tier es ist“, sagte er zu dem Inder, „und ich danke dir, dass du mir meinen Irrtum gezeigt hast. Wenn du es verkaufen willst, nenne deinen Preis.“
„Majestät“, erwiderte der Inder, „ich habe nie daran gezweifelt, dass ein so weiser und vollkommener Herrscher wie Eure Hoheit meinem Pferd Gerechtigkeit widerfahren lassen würde, sobald er seine Kraft kennt; ich ging sogar so weit, es für wahrscheinlich zu halten, dass Ihr es besitzen wollt. So sehr ich es schätze, will ich es Eurer Hoheit unter einer Bedingung überlassen. Das Pferd wurde nicht von mir gebaut, sondern sein Erfinder gab es mir im Tausch gegen meine einzige Tochter, und er ließ mich feierlich schwören, dass ich mich niemals davon trennen würde, außer für etwas von gleichem Wert.“
„Nenne, was immer du willst“, rief der Herrscher und unterbrach ihn. „Mein Reich ist groß und voller schöner Städte. Du musst nur wählen, welche du am liebsten hättest, um bis an dein Lebensende ihr Herrscher zu sein.“
„Majestät“, antwortete der Inder, dem das Angebot längst nicht so großzügig erschien wie dem König, „ich bin Eurer Hoheit für Euer fürstliches Angebot sehr dankbar und flehe Euch an, mir nicht zu zürnen, wenn ich sage, dass ich mein Pferd nur gegen die Hand der Prinzessin, Eurer Tochter, hergeben kann.“
Bei diesen Worten brachen die Höflinge in schallendes Gelächter aus, und Prinz Firouz Schah, der Thronfolger, wurde von Zorn über die Anmaßung des Inders ergriffen. Der König jedoch dachte, es würde ihn nicht viel kosten, sich von der Prinzessin zu trennen, um ein so entzückendes Spielzeug zu gewinnen, und während er noch mit seiner Antwort zögerte, fiel ihm der Prinz ins Wort.
„Majestät“, sagte er, „es ist unmöglich, dass Ihr auch nur einen Augenblick zweifeln könnt, welche Antwort Ihr auf einen so unverschämten Handel geben sollt. Bedenkt, was Ihr Euch selbst und dem Blut Eurer Ahnen schuldig seid.“
„Mein Sohn“, erwiderte der König, „du sprichst edel, aber du verkennst sowohl den Wert des Pferdes als auch die Tatsache, dass der Inder, wenn ich sein Angebot ablehne, es einfach einem anderen Herrscher machen wird – und ich würde verzweifeln bei dem Gedanken, dass irgendjemand außer mir dieses siebte Weltwunder besitzt. Natürlich sage ich nicht, dass ich seine Bedingungen annehmen werde, und vielleicht lässt er sich zur Vernunft bringen; doch inzwischen möchte ich, dass du das Pferd prüfst und, mit Erlaubnis seines Besitzers, seine Kräfte erprobst.“
Der Inder, der die Rede des Königs mit angehört hatte, glaubte darin Zeichen des Nachgebens zu erkennen. Freudig ging er auf den Wunsch des Herrschers ein und trat vor, um dem Prinzen beim Aufsitzen zu helfen und ihm zu zeigen, wie man das Pferd lenkt. Doch noch ehe er fertig war, drehte der junge Mann an der Schraube und war bald außer Sicht.
Sie warteten eine Weile und rechneten jeden Augenblick damit, ihn in der Ferne zurückkehren zu sehen, doch schließlich bekam es der Inder mit der Angst zu tun. Er warf sich vor dem Thron nieder und sagte zum König: „Majestät, Eure Hoheit muss bemerkt haben, dass der Prinz mir in seiner Ungeduld keine Zeit ließ, ihm zu sagen, was er tun muss, um an den Ort zurückzukehren, von dem er aufgebrochen ist. Ich flehe Euch an, mich nicht für etwas zu bestrafen, das nicht meine Schuld war, und mich nicht für ein Unglück büßen zu lassen, das geschehen mag.“
„Aber warum“, rief der König in einem Ausbruch von Angst und Zorn, „warum hast du ihn nicht zurückgerufen, als du ihn verschwinden sahst?“
„Majestät“, erwiderte der Inder, „die Schnelligkeit seiner Bewegungen hat mich so überrascht, dass er schon außer Hörweite war, bevor ich meine Sprache wiederfand. Doch wir müssen hoffen, dass er eine zweite Schraube bemerkt und dreht, die das Pferd wieder zur Erde zurückbringt.“
„Und angenommen, das tut er!“, antwortete der König. „Was hindert das Pferd daran, geradewegs ins Meer zu stürzen oder ihn an den Felsen zu zerschmettern?“
„Habt keine Angst, Eure Hoheit“, sagte der Inder, „das Pferd hat die Gabe, über Meere hinwegzufliegen und seinen Reiter zu tragen, wohin er auch will.“
„Nun, dafür haftest du mit deinem Kopf“, entgegnete der Herrscher, „und wenn er in drei Monaten nicht wohlbehalten wieder bei mir ist oder mir zumindest Nachricht schickt, dass er in Sicherheit ist, zahlst du mit deinem Leben.“ Mit diesen Worten befahl er seinen Wachen, den Inder zu ergreifen und ins Gefängnis zu werfen.
Unterdessen war Prinz Firouz Schah fröhlich in die Lüfte gestiegen und stieg eine Stunde lang immer höher und höher, bis sich nicht einmal mehr die Berge von den Ebenen unterscheiden ließen. Dann fand er, es sei Zeit, wieder hinabzusteigen, und nahm an, dass er dazu nur die Schraube in die entgegengesetzte Richtung drehen müsse. Doch zu seiner Überraschung und seinem Entsetzen musste er feststellen, dass er, wie er auch drehte, nicht das Geringste bewirkte. Da erinnerte er sich, dass er gar nicht abgewartet hatte, um zu fragen, wie er wieder auf die Erde gelangen sollte, und begriff, in welcher Gefahr er schwebte. Zum Glück verlor er nicht den Kopf und begann, den Hals des Pferdes sehr sorgfältig zu untersuchen, bis er schließlich zu seiner unbändigen Freude dicht am rechten Ohr einen winzigen Zapfen entdeckte, viel kleiner als der andere. Diesen drehte er und merkte, wie er zur Erde hinabsank, wenn auch langsamer, als er sie verlassen hatte.
Inzwischen war es dunkel geworden, und da der Prinz nichts sehen konnte, musste er – nicht ohne eine gewisse Unruhe – das Pferd seinen eigenen Weg finden lassen. Mitternacht war bereits vorüber, als Prinz Firouz Schah wieder Boden unter den Füßen hatte, matt und erschöpft von dem langen Ritt und davon, dass er seit dem frühen Morgen nichts gegessen hatte.
Als Erstes versuchte er nach dem Absteigen herauszufinden, wo er war, und soweit er es in der tiefen Dunkelheit erkennen konnte, befand er sich auf dem Terrassendach eines riesigen Palastes, um das eine Marmorbalustrade lief. In einer Ecke der Terrasse befand sich eine kleine Tür, die zu einer Treppe hinab in den Palast führte.
Mancher hätte gezögert, weiter vorzudringen, nicht aber der Prinz. „Ich tue nichts Böses“, sagte er, „und wer auch immer der Besitzer sein mag, er wird mir nichts tun, wenn er sieht, dass ich unbewaffnet bin.“ Und aus Furcht vor einem Fehltritt stieg er vorsichtig die Treppe hinab. Auf einem Treppenabsatz bemerkte er eine offene Tür, hinter der ein schwach erleuchteter Saal lag.
Vor dem Eintreten hielt der Prinz inne und lauschte, doch er hörte nichts als das Schnarchen von Männern. Im Licht einer Laterne, die von der Decke hing, erblickte er eine Reihe schlafender schwarzer Wachen, jeder mit einem blanken Schwert neben sich, und er begriff, dass der Saal das Vorzimmer zum Gemach einer Königin oder Prinzessin sein musste.
Prinz Firouz Schah blieb ganz still stehen und sah sich um, bis sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, und bemerkte ein helles Licht, das in einer Ecke durch einen Vorhang schien. Leise ging er darauf zu, schob die Falten beiseite und trat in ein prächtiges Gemach voller schlafender Frauen. Alle lagen auf niedrigen Ruhebetten, bis auf eine, die auf einem Sofa lag; das, so wusste er, musste die Prinzessin sein.
Behutsam schlich er sich an ihr Bett, betrachtete sie und sah, dass sie schöner war als jede Frau, die er je erblickt hatte. Doch so bezaubert er auch war, er war sich der Gefahr seiner Lage wohl bewusst, denn ein einziger Schrei der Überraschung würde die Wachen wecken und ihm den sicheren Tod bringen.
Also sank er leise auf die Knie, fasste den Ärmel der Prinzessin und zog ihren Arm sanft zu sich heran. Die Prinzessin öffnete die Augen, und als sie einen schönen, gut gekleideten Mann vor sich sah, blieb sie vor Staunen stumm.
Diesen günstigen Augenblick ergriff der Prinz, verneigte sich kniend tief und sprach sie so an:
„Ihr seht vor Euch, Herrin, einen Prinzen in Not, den Sohn des Königs von Persien, der durch ein so seltsames Abenteuer, dass Ihr es kaum glauben werdet, hierhergelangt ist und Euch um Euren Schutz anfleht. Gestern noch war ich am Hof meines Vaters und feierte unser höchstes Fest; heute bin ich in einem unbekannten Land und in Lebensgefahr.“
Die Prinzessin nun, deren Gnade Prinz Firouz Schah erflehte, war die älteste Tochter des Königs von Bengalen. Sie genoss Ruhe und Abwechslung in dem Palast, den ihr Vater ihr in geringer Entfernung von der Hauptstadt hatte bauen lassen. Freundlich hörte sie sich an, was er zu sagen hatte, und antwortete dann:
„Prinz, seid unbesorgt; Gastfreundschaft und Menschlichkeit werden in Bengalen ebenso gepflegt wie in Persien. Den Schutz, um den Ihr bittet, wird Euch jeder gewähren. Darauf habt Ihr mein Wort.“ Und als der Prinz ihr für ihre Güte danken wollte, fügte sie rasch hinzu: „So groß meine Neugier auch sein mag, zu erfahren, auf welche Weise Ihr so schnell hierhergereist seid, weiß ich doch, dass Ihr vor Hunger ganz matt sein müsst. Darum werde ich meinen Frauen befehlen, Euch in eines meiner Gemächer zu führen, wo man Euch ein Abendessen bringen und Euch ruhen lassen wird.“
Inzwischen waren die Dienerinnen der Prinzessin alle erwacht und lauschten dem Gespräch. Auf ein Zeichen ihrer Herrin standen sie auf, kleideten sich hastig an, ergriffen einige der Kerzen, die den Raum erhellten, und führten den Prinzen in ein großes, hohes Gemach. Zwei von ihnen bereiteten sein Bett, die übrigen gingen hinunter in die Küche, aus der sie bald mit allerlei Speisen zurückkehrten. Dann zeigten sie ihm Schränke voller Gewänder und Wäsche und verließen den Raum.
Während ihrer Abwesenheit versuchte die Prinzessin von Bengalen, die von der Schönheit des Prinzen tief beeindruckt war, vergeblich wieder einzuschlafen. Es half nichts: Sie war hellwach, und als ihre Frauen ins Zimmer traten, fragte sie eifrig, ob der Prinz alles habe, was er brauche, und was sie von ihm hielten.
„Herrin“, antworteten sie, „wir können natürlich unmöglich sagen, welchen Eindruck dieser junge Mann auf Euch gemacht hat. Wir für unseren Teil meinen, Ihr könntet Euch glücklich schätzen, wenn der König, Euer Vater, Euch erlauben würde, einen so liebenswürdigen Mann zu heiraten. Gewiss gibt es am ganzen Hof von Bengalen niemanden, der sich mit ihm vergleichen ließe.“
Diese schmeichelhaften Bemerkungen missfielen der Prinzessin keineswegs, doch da sie ihre eigenen Gefühle nicht verraten wollte, sagte sie nur: „Ihr seid allesamt Plappermäuler; geht wieder zu Bett und lasst mich schlafen.“
Als sie sich am nächsten Morgen ankleidete, bemerkten ihre Zofen, dass die Prinzessin entgegen ihrer Gewohnheit sehr auf ihre Toilette bedacht war und darauf bestand, dass ihr Haar zwei- oder dreimal neu frisiert wurde. „Denn“, sagte sie sich, „wenn mein Anblick dem Prinzen schon nicht missfiel, als er mich in jenem Zustand sah, wie viel mehr wird er von mir beeindruckt sein, wenn er mich in all meiner Pracht erblickt.“
Dann steckte sie sich die größten und strahlendsten Diamanten ins Haar, die sie finden konnte, dazu ein Halsband, Armreife und einen Gürtel, alle aus Edelsteinen. Und über die Schultern legten ihr ihre Damen ein Gewand aus dem kostbarsten Stoff ganz Indiens, den außer den Mitgliedern der königlichen Familie niemand tragen durfte. Als sie ganz nach ihren Wünschen gekleidet war, ließ sie fragen, ob der Prinz von Persien wach und bereit sei, sie zu empfangen, denn sie wünsche, sich ihm vorzustellen.
Als die Botin der Prinzessin sein Zimmer betrat, war Prinz Firouz Schah gerade im Begriff, es zu verlassen, um zu fragen, ob er ihrer Herrin seine Aufwartung machen dürfe; doch als er den Wunsch der Prinzessin hörte, fügte er sich sogleich. „Ihr Wille ist mir Gesetz“, sagte er, „ich bin nur hier, um ihren Befehlen zu gehorchen.“
Wenige Augenblicke später erschien die Prinzessin selbst, und nachdem sie die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht hatten, setzte sie sich auf ein Sofa und begann dem Prinzen zu erklären, warum sie ihn nicht in ihren eigenen Gemächern empfangen habe. „Hätte ich das getan“, sagte sie, „so hätte uns jederzeit der Oberste der Eunuchen stören können, der das Recht hat, einzutreten, wann immer es ihm beliebt, während dieser Ort für ihn verboten ist. Ich brenne darauf, von dem wundersamen Zufall zu hören, dem ich das Vergnügen Eurer Ankunft verdanke, und darum bin ich hierher zu Euch gekommen, wo niemand uns stören kann. Beginnt also, ich bitte Euch, ohne Verzug.“
So begann der Prinz ganz von vorn und erzählte die ganze Geschichte vom Nedrouz-Fest, das alljährlich in Persien gefeiert wird, und von den prächtigen Schauspielen, die man zu seinen Ehren veranstaltet. Doch als er zu dem Zauberpferd kam, erklärte die Prinzessin, sie hätte sich nie etwas auch nur halb so Erstaunliches vorstellen können. „Nun“, fuhr der Prinz fort, „dann könnt Ihr leicht verstehen, wie der König, mein Vater, der eine Leidenschaft für alles Seltsame hat, von dem heftigen Verlangen ergriffen wurde, dieses Pferd zu besitzen, und den Inder fragte, welchen Preis er dafür verlange.
„Die Antwort des Mannes war vollkommen absurd, wie Ihr mir zustimmen werdet, wenn ich Euch sage, dass er nichts Geringeres verlangte als die Hand der Prinzessin, meiner Schwester. Doch obwohl alle Umstehenden lachten und spotteten und ich außer mir vor Wut war, sah ich zu meiner Verzweiflung, dass mein Vater sich nicht entschließen konnte, das unverschämte Angebot so zu behandeln, wie es es verdiente. Ich versuchte, ihn umzustimmen, aber vergeblich. Er bat mich nur, das Pferd zu prüfen, in der Absicht (wie ich wohl verstand), mir seinen Wert deutlicher vor Augen zu führen.“
„Um meinem Vater zu gefallen, bestieg ich das Pferd und drehte, ohne auf irgendwelche Anweisungen des Inders zu warten, an dem Zapfen, so wie ich es bei ihm gesehen hatte. Im Nu schwebte ich empor, viel schneller, als ein Pfeil fliegen kann, und mir war, als käme ich dem Himmel so nahe, dass ich bald mit dem Kopf daran stoßen würde! Unter mir konnte ich nichts erkennen, und eine Zeit lang war ich so verwirrt, dass ich nicht einmal wusste, in welche Richtung ich flog. Als es schließlich dunkel wurde, fand ich eine weitere Schraube, und als ich sie drehte, begann das Pferd langsam zur Erde hinabzusinken. Ich musste mich dem Zufall überlassen und abwarten, was das Schicksal für mich bereithielt, und es war bereits nach Mitternacht, als ich mich auf dem Dach dieses Palastes wiederfand. Ich schlich die kleine Treppe hinab und ging geradewegs auf ein Licht zu, das ich durch eine offene Tür sah – ich spähte vorsichtig hinein und sah, wie Ihr Euch denken könnt, die Eunuchen schlafend auf dem Boden liegen. Ich kannte die Gefahr, doch meine Not war so groß, dass ich nicht darauf achtete, und schlich mich unbemerkt an Euren Wachen vorbei bis zu dem Vorhang, der Eure Tür verbarg.
„Den Rest, Prinzessin, kennt Ihr; und es bleibt mir nur, Euch für die Güte zu danken, die Ihr mir erwiesen habt, und Euch meiner Dankbarkeit zu versichern. Nach dem Völkerrecht bin ich bereits Euer Sklave, und ich habe nur mein Herz, das mir gehört, um es Euch anzubieten. Doch was sage ich? Mir gehört? Ach, Herrin, es war Euer vom ersten Augenblick an, da ich Euch erblickte!“
Die Art, wie er diese Worte sprach, konnte der Prinzessin keinen Zweifel daran lassen, welche Wirkung ihre Reize auf ihn hatten, und die Röte, die ihr ins Gesicht stieg, steigerte ihre Schönheit nur noch.
„Prinz“, erwiderte sie, sobald ihre Verwirrung ihr zu sprechen erlaubte, „Ihr habt mir die größte Freude bereitet. Ich bin Euch bei all Euren Abenteuern genau gefolgt, und obwohl Ihr leibhaftig vor mir sitzt, habe ich sogar um Euch gezittert, als Ihr in den oberen Regionen der Lüfte in Gefahr wart! Lasst mich sagen, wie sehr ich dem Zufall verbunden bin, der Euch in mein Haus geführt hat; Ihr hättet keines betreten können, in dem man Euch herzlicher empfangen hätte. Was Euer Sklaventum betrifft, so ist das natürlich nur ein Scherz, und schon mein Empfang muss Euch versichert haben, dass Ihr hier ebenso frei seid wie am Hof Eures Vaters. Was Euer Herz angeht“, fuhr sie in ermutigendem Ton fort, „so bin ich ganz sicher, dass Ihr längst darüber verfügt habt, zugunsten einer Prinzessin, die seiner würdig ist, und ich möchte nicht der Grund dafür sein, dass Ihr ihr untreu werdet.“
Prinz Firouz Schah wollte gerade beteuern, dass keine Dame ältere Ansprüche habe, doch da trat eine der Dienerinnen der Prinzessin ein und meldete, dass das Mittagsmahl aufgetragen sei – und im Grunde war keiner der beiden über die Unterbrechung betrübt.
Das Mahl war in einem prächtigen Saal angerichtet, und die Tafel war mit köstlichen Früchten bedeckt, während reich gekleidete Mädchen während des Essens leise und lieblich zu Saiteninstrumenten sangen. Als Prinz und Prinzessin fertig waren, gingen sie in ein kleines, in Blau und Gold gehaltenes Zimmer, das auf einen Garten voller Blumen und Erdbeerbäume hinausblickte, ganz anders als alle, die es in Persien gab.
„Prinzessin“, bemerkte der junge Mann, „bis jetzt hatte ich immer geglaubt, Persien könne sich schönerer Paläste und lieblicherer Gärten rühmen als jedes andere Königreich auf Erden. Doch mir sind die Augen geöffnet worden, und ich beginne zu begreifen, dass sich ein großer König, wo immer er herrscht, mit Bauten umgibt, die seiner würdig sind.“
„Prinz“, erwiderte die Prinzessin von Bengalen, „ich habe keine Vorstellung davon, wie ein persischer Palast aussieht, und kann darum keine Vergleiche anstellen. Ich möchte meinen eigenen Palast nicht herabsetzen, aber ich kann Euch versichern, dass er neben dem des Königs, meines Vaters, recht ärmlich wirkt, wie Ihr zugeben werdet, wenn Ihr dort gewesen seid, um ihn zu begrüßen, was Ihr hoffentlich bald tun werdet.“
Die Prinzessin hoffte nämlich, dass der König, wenn sie eine Begegnung zwischen dem Prinzen und ihrem Vater herbeiführte, von der vornehmen Erscheinung und den feinen Manieren des jungen Mannes so beeindruckt sein würde, dass er ihm seine Tochter zur Frau anbieten würde. Doch die Antwort des Prinzen von Persien auf ihren Vorschlag war nicht ganz die, die sie sich wünschte.
„Herrin“, sagte er, „wenn ich Euren Vorschlag annähme, den Palast des Königs von Bengalen zu besuchen, so stillte ich damit nicht nur meine Neugier, sondern auch die Gefühle der Hochachtung, die ich für ihn hege. Doch ich bin überzeugt, Prinzessin, dass Ihr mit mir einig seid, dass ich mich einem so großen Herrscher unmöglich ohne das Gefolge zeigen kann, das meinem Rang entspricht. Er würde mich für einen Abenteurer halten.“
„Wenn es nur das ist“, antwortete sie, „so könnt Ihr hier so viel Gefolge bekommen, wie Ihr wollt. Es gibt genügend persische Kaufleute, und was das Geld betrifft, so steht Euch meine Schatzkammer jederzeit offen. Nehmt, was Ihr wollt.“
Prinz Firouz Schah ahnte, was die Prinzessin zu so viel Güte bewog, und war davon tief gerührt. Doch seine Leidenschaft, die mit jedem Augenblick wuchs, ließ ihn seine Pflicht nicht vergessen. So antwortete er ohne Zögern:
„Ich weiß nicht, Prinzessin, wie ich Euch für Euer gütiges Angebot danken soll, das ich sofort annehmen würde, wenn ich nicht an all die Sorgen denken müsste, die der König, mein Vater, meinetwegen leiden muss. Ich wäre all der Liebe, die er mir schenkt, wahrlich unwürdig, wenn ich nicht beim ersten möglichen Augenblick zu ihm zurückkehrte. Denn während ich die Gesellschaft der liebenswürdigsten aller Prinzessinnen genieße, ist er, davon bin ich fest überzeugt, in tiefsten Kummer versunken und hat alle Hoffnung verloren, mich je wiederzusehen. Ich bin sicher, Ihr versteht meine Lage und spürt, dass es nicht nur undankbar von mir wäre, auch nur einen Augenblick länger als nötig fortzubleiben, sondern vielleicht sogar ein Verbrechen – denn wie kann ich wissen, ob meine Abwesenheit ihm nicht das Herz bricht?
„Doch“, fuhr der Prinz fort, „wenn ich der Stimme meines Gewissens gefolgt bin, werde ich die Augenblicke zählen, bis ich mit Eurer gnädigen Erlaubnis vor den König von Bengalen treten darf – nicht als Herumtreiber, sondern als Prinz –, um ihn um Eure Hand zu bitten. Mein Vater hat mir immer gesagt, dass ich bei meiner Heirat ganz frei entscheiden darf, doch ich bin überzeugt, dass ich ihm nur Eure Großmut schildern muss, damit meine Wünsche zu den seinen werden.“
Die Prinzessin von Bengalen war zu vernünftig, um die Erklärung des Prinzen Firouz Schah nicht anzunehmen, doch seine Absicht, sofort aufzubrechen, beunruhigte sie sehr, denn sie fürchtete, der Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, würde verblassen, sobald er sie verlassen hätte. So unternahm sie noch einen Versuch, ihn zu halten, und nachdem sie ihm versichert hatte, dass sie seine Sorge um seinen Vater voll und ganz billige, bat sie ihn, ihr noch ein oder zwei Tage seine Gesellschaft zu schenken.
Aus bloßer Höflichkeit konnte der Prinz diese Bitte kaum abschlagen, und die Prinzessin machte sich daran, sich allerlei Vergnügungen für ihn auszudenken. Das gelang ihr so gut, dass zwei Monate fast unbemerkt mit Bällen, Schauspielen und Jagden verstrichen – die Jagd liebte die Prinzessin leidenschaftlich, wenn sie nicht mit Gefahr verbunden war. Doch eines Tages erklärte er schließlich ernsthaft, dass er seine Pflicht nicht länger vernachlässigen könne, und flehte sie an, ihm keine weiteren Hindernisse in den Weg zu legen. Zugleich versprach er, so bald wie möglich zurückzukehren, mit all der Pracht, die ihr wie ihm gebühre.
„Prinzessin“, fügte er hinzu, „vielleicht zählt Ihr mich in Eurem Herzen zu jenen falschen Liebhabern, deren Hingabe die Probe der Trennung nicht besteht. Wenn dem so ist, tut Ihr mir Unrecht; und wäre es nicht aus Furcht, Euch zu kränken, würde ich Euch anflehen, mit mir zu kommen, denn mein Leben kann nur glücklich sein, wenn ich es mit Euch verbringe. Was Euren Empfang am persischen Hof betrifft, so wird er so herzlich sein, wie Ihr es verdient; und was den König von Bengalen angeht, so müsste ihm Euer Wohl weit gleichgültiger sein, als Ihr mich habt glauben lassen, wenn er unserer Heirat nicht zustimmt.“
Die Prinzessin fand keine Worte, um auf die Argumente des Prinzen von Persien zu antworten, doch ihr Schweigen und ihre gesenkten Augen sprachen für sie und verrieten, dass sie nichts dagegen hatte, ihn auf seiner Reise zu begleiten.
Die einzige Schwierigkeit, die ihr in den Sinn kam, war, dass Prinz Firouz Schah nicht wusste, wie man das Pferd lenkt, und sie fürchtete, sie könnten in dieselbe Notlage geraten wie zuvor. Doch der Prinz zerstreute ihre Ängste so erfolgreich, dass sie bald an nichts anderes mehr dachte, als ihre Flucht so heimlich vorzubereiten, dass niemand im Palast etwas ahnte.
So geschah es, und früh am nächsten Morgen, als der ganze Palast noch im Schlaf lag, stahl sie sich hinauf aufs Dach, wo der Prinz sie bereits erwartete, den Kopf seines Pferdes gen Persien gerichtet. Er stieg als Erster auf und half der Prinzessin hinter sich hinauf; als sie dann fest saß und sich mit den Händen an seinem Gürtel festhielt, berührte er die Schraube, und das Pferd ließ die Erde rasch hinter sich.
Es flog mit seiner gewohnten Geschwindigkeit, und Prinz Firouz Schah lenkte es so gut, dass er zweieinhalb Stunden nach dem Aufbruch die Hauptstadt Persiens unter sich liegen sah. Er beschloss, weder auf dem großen Platz zu landen, von dem er aufgebrochen war, noch im Palast des Sultans, sondern in einem Landhaus ein wenig außerhalb der Stadt. Dort zeigte er der Prinzessin eine Reihe schöner Gemächer und bat sie, sich auszuruhen, während er seinem Vater ihre Ankunft meldete und einen öffentlichen Empfang vorbereitete, der ihres Ranges würdig war. Dann ließ er ein Pferd satteln und machte sich auf den Weg.
Auf dem ganzen Weg durch die Straßen wurde er vom Volk mit Freudenrufen begrüßt, das längst alle Hoffnung aufgegeben hatte, ihn je wiederzusehen. Als er den Palast erreichte, fand er den Sultan umgeben von seinen Ministern, alle in tiefster Trauer gekleidet, und sein Vater verlor beim bloßen Klang der Stimme seines Sohnes vor Überraschung und Freude beinahe den Verstand. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, bat er den Prinzen, von seinen Abenteuern zu erzählen.
Der Prinz ergriff sofort die Gelegenheit, die sich ihm so bot, und erzählte die ganze Geschichte, wie die Prinzessin von Bengalen ihn aufgenommen hatte, und verschwieg nicht einmal, dass sie sich in ihn verliebt hatte. „Und, Majestät“, schloss der Prinz, „da ich ihr mein königliches Wort gegeben habe, dass Ihr Eure Zustimmung zu unserer Heirat nicht verweigern würdet, habe ich sie überredet, mit mir auf dem Pferd des Inders zurückzukehren. Ich habe sie in einem der Landhäuser Eurer Hoheit gelassen, wo sie sehnsüchtig darauf wartet, die Gewissheit zu erhalten, dass ich nicht vergeblich versprochen habe.“
Bei diesen Worten wollte sich der Prinz dem Sultan zu Füßen werfen, doch sein Vater hielt ihn davon ab, umarmte ihn noch einmal und sagte eifrig:
„Mein Sohn, nicht nur stimme ich deiner Heirat mit der Prinzessin von Bengalen gern zu, ich will auch eilen, ihr meine Aufwartung zu machen und ihr persönlich für die Wohltaten zu danken, die sie dir erwiesen hat. Dann werde ich sie mit mir zurückbringen und alles vorbereiten, damit die Hochzeit noch heute gefeiert wird.“
So befahl der Sultan, dass das Volk die Trauerkleider ablegen solle und dass ein Konzert mit Trommeln, Trompeten und Zimbeln stattfinden solle. Außerdem solle der Inder aus dem Gefängnis geholt und vor ihn gebracht werden.
Seine Befehle wurden befolgt, und der Inder wurde, von Wachen umringt, vor ihn geführt. „Ich habe dich eingesperrt“, sagte der Sultan, „damit du, falls mein Sohn verloren wäre, mit deinem Leben dafür bezahlst. Nun ist er zurückgekehrt; also nimm dein Pferd und verschwinde für immer.“
Der Inder verließ eilig den Sultan, und als er draußen war, fragte er den Mann, der ihn aus dem Gefängnis geholt hatte, wo der Prinz in all der Zeit wirklich gewesen sei und was er getan habe. Man erzählte ihm die ganze Geschichte und auch, dass die Prinzessin von Bengalen gerade im Landpalast auf die Zustimmung des Sultans warte. Das brachte den Inder sofort auf einen Racheplan für die Behandlung, die er erlitten hatte. Er ging geradewegs zum Landhaus und erklärte dem Pförtner, der dort die Aufsicht hatte, er sei vom Sultan und vom Prinzen von Persien geschickt worden, um die Prinzessin auf dem Zauberpferd abzuholen und in den Palast zu bringen.
Der Pförtner kannte den Inder vom Sehen und wusste natürlich, dass dieser vor fast drei Monaten vom Sultan ins Gefängnis geworfen worden war. Als er ihn nun in Freiheit sah, nahm er an, dass er die Wahrheit sagte, und führte ihn ohne Bedenken zur Prinzessin von Bengalen; und sie ihrerseits willigte gern ein, zu tun, was er wünschte, als sie hörte, dass er vom Prinzen komme.
Der Inder, entzückt über das Gelingen seines Plans, bestieg das Pferd, half der Prinzessin, hinter ihm aufzusitzen, und drehte den Zapfen genau in dem Augenblick, als der Prinz den Palast in Schiras verließ, um zum Landhaus zu reiten, dicht gefolgt vom Sultan und dem ganzen Hof. Da der Inder dies wusste, lenkte er das Pferd absichtlich genau über die Stadt, damit seine Rache für die ungerechte Gefangenschaft umso schneller und süßer wäre.
Als der Sultan von Persien das Pferd und seine Reiter sah, blieb er vor Erstaunen und Entsetzen wie angewurzelt stehen und brach in Flüche und Verwünschungen aus, die der Inder ganz ungerührt anhörte, da er wusste, dass ihn niemand verfolgen konnte. Doch so gekränkt und wütend der Sultan auch war, seine Gefühle waren nichts gegen die des Prinzen Firouz Schah, als er den Gegenstand seiner leidenschaftlichen Liebe so rasch davongetragen sah. Und während er vor Kummer und Reue, sie nicht besser beschützt zu haben, sprachlos war, verschwand sie schnell aus seinem Blick. Was sollte er tun? Sollte er seinem Vater in den Palast folgen und dort seiner Verzweiflung freien Lauf lassen? Sowohl seine Liebe als auch sein Mut verboten es ihm, und er setzte seinen Weg zum Palast fort.
Der Anblick des Prinzen zeigte dem Pförtner, welche Torheit er begangen hatte; er warf sich seinem Herrn zu Füßen und flehte um Verzeihung. „Steh auf“, sagte der Prinz, „ich bin schuld an diesem Unglück, nicht du. Geh und besorge mir das Gewand eines Derwischs, aber hüte dich zu sagen, dass es für mich ist.“
Nicht weit vom Landhaus entfernt lag ein Derwischkloster, und der Vorsteher, der Scheich, war ein Freund des Pförtners. Mithilfe einer rasch erfundenen Geschichte war es also leicht, an ein Derwischgewand zu kommen, das der Prinz sofort anstelle seiner eigenen Kleider anlegte. So verkleidet und mit einem Kästchen voller Perlen und Diamanten bei sich, das er der Prinzessin als Geschenk zugedacht hatte, verließ er bei Einbruch der Nacht das Haus – ungewiss, wohin er gehen sollte, aber fest entschlossen, nicht ohne sie zurückzukehren.
Unterdessen hatte der Inder das Pferd in eine solche Richtung gelenkt, dass es nach wenigen Stunden in einen Wald nahe der Hauptstadt des Königreichs Kaschmir gelangte. Da er sehr hungrig war und annahm, dass auch die Prinzessin etwas zu essen brauchte, ließ er sein Ross zur Erde hinab und ließ die Prinzessin an einem schattigen Platz am Ufer eines klaren Baches zurück.
Als die Prinzessin sich allein sah, kam ihr zunächst der Gedanke, zu fliehen und sich zu verstecken. Doch da sie seit ihrer Abreise aus Bengalen kaum etwas gegessen hatte, fühlte sie sich zu schwach, um weit zu kommen, und musste ihren Plan aufgeben. Als der Inder mit allerlei Speisen zurückkehrte, begann sie heißhungrig zu essen und hatte bald genug Mut gefasst, um seinen unverschämten Bemerkungen beherzt zu entgegnen. Von seinen Drohungen gereizt, sprang sie auf und rief laut um Hilfe, und zum Glück hörte ein Trupp Reiter ihre Schreie und kam herbeigeritten, um zu fragen, was los sei.
Der Anführer dieser Reiter war der Sultan von Kaschmir, der von der Jagd zurückkehrte. Sofort wandte er sich an den Inder und fragte, wer er sei und wen er bei sich habe. Der Inder antwortete grob, es sei seine Frau, und es gebe für niemanden einen Grund, sich zwischen sie zu stellen.
Die Prinzessin, die natürlich nichts vom Rang ihres Retters wusste, bestritt die Geschichte des Inders entschieden. „Herr“, rief sie, „wer Ihr auch sein mögt, schenkt diesem Betrüger keinen Glauben. Er ist ein abscheulicher Zauberer, der mich heute dem Prinzen von Persien, meinem künftigen Gemahl, entrissen und auf diesem Zauberpferd hierhergebracht hat.“ Sie hätte noch weitergesprochen, doch die Tränen erstickten ihre Stimme, und der Sultan von Kaschmir, den ihre Schönheit und ihre vornehme Erscheinung von der Wahrheit ihrer Erzählung überzeugten, befahl seinen Gefolgsleuten, dem Inder den Kopf abzuschlagen, was sogleich geschah.
Doch obwohl sie aus einer Gefahr gerettet war, schien es, als sei sie nur in eine andere geraten. Der Sultan ließ ihr ein Pferd geben und geleitete sie in seinen eigenen Palast, wo er sie in ein schönes Gemach führte und Sklavinnen auswählte, die sie bedienen, und Eunuchen, die sie bewachen sollten. Dann bat er sie, ohne ihr Zeit zu lassen, ihm für alles zu danken, was er getan hatte, sich auszuruhen, und sagte, sie solle ihm am folgenden Tag von ihren Abenteuern erzählen.
Die Prinzessin schlief ein und schmeichelte sich mit dem Gedanken, sie müsse dem Sultan nur ihre Geschichte erzählen, damit er von Mitleid gerührt sei und sie ohne Verzug dem Prinzen zurückgebe. Doch wenige Stunden sollten genügen, um sie eines Besseren zu belehren.
Als der König von Kaschmir sie am Abend zuvor verlassen hatte, hatte er beschlossen, dass die Sonne nicht noch einmal untergehen sollte, ohne dass die Prinzessin seine Frau geworden wäre. Bei Tagesanbruch wurde seine Absicht in der ganzen Stadt verkündet, unter dem Klang von Trommeln, Trompeten, Zimbeln und anderen Instrumenten, die das Herz mit Freude erfüllen sollten. Die Prinzessin von Bengalen wurde früh von dem Lärm geweckt, doch sie dachte nicht einen Augenblick daran, dass er etwas mit ihr zu tun haben könnte – bis der Sultan, der kam, sobald sie angekleidet war, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, ihr eröffnete, dass die Trompetenstöße, die sie hörte, Teil der feierlichen Hochzeitszeremonien seien, auf die sie sich bitte vorbereiten möge. Diese unerwartete Ankündigung versetzte die Prinzessin in solchen Schrecken, dass sie ohnmächtig zu Boden sank.
Die Sklavinnen, die bereitstanden, eilten ihr zu Hilfe, und der Sultan selbst tat sein Bestes, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen, doch lange Zeit war alles vergebens. Endlich kehrten ihre Sinne langsam zurück, und da beschloss sie, lieber Wahnsinn vorzutäuschen, als dem Prinzen von Persien durch die Einwilligung in eine solche Heirat die Treue zu brechen. So begann sie, allerlei Unsinn zu reden und alle möglichen seltsamen Gebärden zu machen, während der Sultan ihr voller Kummer und Erstaunen zusah. Da dieser plötzliche Anfall jedoch keine Anzeichen des Nachlassens zeigte, überließ er sie ihren Frauen und befahl ihnen, aufs Sorgfältigste für sie zu sorgen. Doch im Laufe des Tages schien sich das Leiden noch zu verschlimmern, und in der Nacht war es fast schon heftig.
So vergingen Tage, bis der Sultan von Kaschmir schließlich beschloss, alle Ärzte seines Hofes zusammenzurufen, damit sie gemeinsam über ihren traurigen Zustand berieten. Ihre Antwort lautete, der Wahnsinn habe so viele verschiedene Formen, dass es unmöglich sei, sich ein Urteil über den Fall zu bilden, ohne die Prinzessin zu sehen. Also befahl der Sultan, sie einzeln in ihr Gemach zu führen, jeden nach seinem Rang.
Diese Entscheidung hatte die Prinzessin vorausgesehen. Sie wusste genau: Wenn sie den Ärzten auch nur einmal erlaubte, ihr den Puls zu fühlen, würde selbst der unwissendste von ihnen entdecken, dass sie bei bester Gesundheit und ihr Wahnsinn nur vorgetäuscht war. Und so geriet sie, sobald sich einer näherte, in so heftige Anfälle, dass keiner es wagte, sie auch nur mit einem Finger zu berühren. Einige, die vorgaben, klüger als die übrigen zu sein, erklärten, sie könnten Kranke allein durch Ansehen beurteilen, und verordneten ihr gewisse Tränke, die sie ohne Weiteres einnahm, da sie überzeugt war, dass sie alle harmlos waren.
Als der Sultan von Kaschmir sah, dass die Hofärzte nichts zur Heilung der Prinzessin beitragen konnten, rief er die Ärzte der Stadt herbei, denen es nicht besser erging. Dann wandte er sich an die berühmtesten Ärzte der anderen großen Städte, doch als er feststellte, dass die Aufgabe ihre Wissenschaft überstieg, schickte er schließlich Boten in die anderen Nachbarstaaten. Sie trugen eine Schrift mit allen Einzelheiten über den Wahnsinn der Prinzessin bei sich und boten zugleich an, jedem Arzt die Kosten zu erstatten, der kommen und sich selbst ein Bild machen wollte, und demjenigen eine stattliche Belohnung, der sie heilen würde. Auf diese Bekanntmachung hin strömten viele ausländische Gelehrte nach Kaschmir, doch natürlich hatten sie nicht mehr Erfolg als die anderen, denn die Heilung hing weder von ihnen noch von ihrer Kunst ab, sondern allein von der Prinzessin selbst.
In dieser Zeit kam Prinz Firouz Schah, der traurig und hoffnungslos von Ort zu Ort zog, in eine große Stadt Indiens, wo er viel Gerede über die Prinzessin von Bengalen hörte, die genau an dem Tag den Verstand verloren hatte, an dem sie mit dem Sultan von Kaschmir hätte verheiratet werden sollen. Das genügte, um ihn den Weg nach Kaschmir einschlagen zu lassen und sich im ersten Gasthaus, in dem er in der Hauptstadt abstieg, nach allen Einzelheiten der Geschichte zu erkundigen. Als er wusste, dass er die so lange verlorene Prinzessin endlich gefunden hatte, machte er sich daran, einen Plan zu ihrer Rettung auszuhecken.
Als Erstes beschaffte er sich ein Arztgewand, damit seine Kleidung zusammen mit dem langen Bart, den er sich auf seinen Reisen hatte wachsen lassen, unmissverständlich seinen Beruf verkündete. Dann begab er sich ohne Zeit zu verlieren zum Palast, wo er eine Audienz beim Obersten Zeremonienmeister erhielt. Er entschuldigte sich für seine Kühnheit, zu glauben, er könne die Prinzessin heilen, wo so viele andere gescheitert waren, und erklärte, er kenne das Geheimnis gewisser Heilmittel, die bislang noch nie ihre Wirkung verfehlt hätten.
Der Oberste Zeremonienmeister versicherte ihm, er sei herzlich willkommen, der Sultan werde ihn mit Freuden empfangen, und im Falle eines Erfolgs werde er eine prächtige Belohnung erhalten.
Als der Prinz von Persien in der Verkleidung eines Arztes vor den Sultan gebracht wurde, verlor dieser keine Zeit mit Worten, außer der Bemerkung, dass schon der bloße Anblick eines Arztes die Prinzessin in Wutanfälle versetze. Dann führte er den Prinzen in einen Raum unter dem Dach, der eine Öffnung hatte, durch die er die Prinzessin beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden.
Der Prinz blickte hindurch und sah die Prinzessin mit Tränen in den Augen auf einem Sofa liegen. Leise sang sie ein Lied, in dem sie ihr trauriges Schicksal beklagte, das ihr, vielleicht für immer, einen so innig geliebten Menschen genommen hatte. Das Herz des jungen Mannes schlug schneller, als er zuhörte, denn er brauchte keinen weiteren Beweis dafür, dass ihr Wahnsinn vorgetäuscht war und dass die Liebe zu ihm sie zu dieser List getrieben hatte. Leise verließ er sein Versteck und kehrte zum Sultan zurück, dem er berichtete, er sei sich aufgrund gewisser Anzeichen sicher, dass das Leiden der Prinzessin nicht unheilbar sei, er müsse sie aber allein sehen und sprechen.
Der Sultan willigte ohne Weiteres ein und befahl, ihn in das Gemach der Prinzessin zu führen. Kaum erblickte sie sein Arztgewand, sprang sie wütend von ihrem Sitz auf und überhäufte ihn mit Beschimpfungen. Der Prinz beachtete ihr Verhalten nicht, trat ganz nahe an sie heran, damit nur sie seine Worte hören konnte, und flüsterte leise: „Seht mich an, Prinzessin, und Ihr werdet erkennen, dass ich kein Arzt bin, sondern der Prinz von Persien, der gekommen ist, Euch zu befreien.“
Beim Klang seiner Stimme wurde die Prinzessin von Bengalen plötzlich ruhig, und ein Ausdruck der Freude breitete sich über ihr Gesicht, wie er nur entsteht, wenn das, was wir uns am meisten wünschen und am wenigsten erwarten, plötzlich eintritt. Eine Zeit lang war sie zu entzückt, um zu sprechen, und Prinz Firouz Schah nutzte ihr Schweigen, um ihr alles zu erklären, was geschehen war: seine Verzweiflung, als er sie vor seinen Augen verschwinden sah, den Schwur, den er geleistet hatte, ihr durch die ganze Welt zu folgen, und sein Entzücken, als er sie endlich im Palast von Kaschmir fand. Als er geendet hatte, bat er seinerseits die Prinzessin, ihm zu erzählen, wie sie hierhergekommen sei, damit er besser einen Weg ersinnen könne, sie aus der Gewalt des Sultans zu befreien.
Es bedurfte nur weniger Worte der Prinzessin, um ihn mit der ganzen Lage vertraut zu machen, und damit, wie sie gezwungen gewesen war, die Rolle einer Wahnsinnigen zu spielen, um einer Heirat mit dem Sultan zu entgehen, der nicht einmal so höflich gewesen war, sie um ihre Zustimmung zu bitten. Wenn nötig, fügte sie hinzu, sei sie entschlossen gewesen, lieber zu sterben, als sich zu einer solchen Verbindung zwingen zu lassen und einem Prinzen, den sie liebte, die Treue zu brechen.
Der Prinz fragte dann, ob sie wisse, was seit dem Tod des Inders aus dem Zauberpferd geworden sei, doch die Prinzessin konnte nur antworten, dass sie nichts davon gehört habe. Dennoch glaubte sie nicht, dass der Sultan das Pferd vergessen haben könne, nach allem, was sie ihm über seinen Wert erzählt hatte.
Dem stimmte der Prinz zu, und gemeinsam berieten sie einen Plan, mit dessen Hilfe sie fliehen und mit ihm nach Persien zurückkehren könnte. Als ersten Schritt sollte sie sich sorgfältig ankleiden und den Sultan höflich empfangen, wenn er sie am nächsten Morgen besuchte.
Der Sultan war außer sich vor Freude, als er vom Ergebnis der Unterredung erfuhr, und seine Meinung von der Kunst des Arztes stieg noch höher, als die Prinzessin sich am folgenden Tag ihm gegenüber so verhielt, dass er überzeugt war, ihre völlige Genesung werde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Doch er begnügte sich damit, ihr zu versichern, wie glücklich er sei, ihre Gesundheit so sehr gebessert zu sehen, und ermahnte sie, sich eines so klugen Arztes in jeder Hinsicht zu bedienen und ihm ganz zu vertrauen. Dann zog er sich zurück, ohne eine Antwort der Prinzessin abzuwarten.
Der Prinz von Persien verließ zur gleichen Zeit den Raum und fragte, ob er sich demütig erkundigen dürfe, auf welche Weise die Prinzessin von Bengalen nach Kaschmir gelangt sei, das so weit vom Reich ihres Vaters entfernt lag, und wie es komme, dass sie allein hier sei. Der Sultan fand die Frage ganz natürlich und erzählte ihm dieselbe Geschichte, die ihm die Prinzessin von Bengalen erzählt hatte. Er fügte hinzu, er habe das Zauberpferd als Kuriosität in seine Schatzkammer bringen lassen, obwohl er keine Ahnung habe, wie man es benutze.
„Majestät“, erwiderte der Arzt, „die Erzählung Eurer Hoheit hat mir den Schlüssel geliefert, den ich brauchte, um die Genesung der Prinzessin zu vollenden. Während ihrer Reise hierher auf einem Zauberpferd ist ein Teil seines Zaubers auf irgendeine Weise auf ihre Person übergegangen, und er kann nur durch gewisse Räucherwerke vertrieben werden, deren Geheimnis ich besitze. Wenn Eure Hoheit einwilligen und dem Hof und dem Volk eines der erstaunlichsten Schauspiele bieten möchte, das sie je gesehen haben, so befehlt, das Pferd auf den großen Platz vor dem Palast zu bringen, und überlasst das Übrige mir. Ich verspreche Euch, dass Ihr in wenigen Augenblicken, vor der ganzen versammelten Menge, die Prinzessin an Leib und Seele so gesund sehen werdet, wie sie es je in ihrem Leben war. Und um das Schauspiel so eindrucksvoll wie möglich zu machen, schlage ich vor, sie prächtig zu kleiden und mit den edelsten Juwelen der Krone zu schmücken.“
Der Sultan willigte bereitwillig in alles ein, was der Prinz vorschlug, und am folgenden Morgen ließ er das Zauberpferd aus der Schatzkammer holen und auf den großen Platz vor dem Palast bringen. Bald verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, dass etwas Außergewöhnliches bevorstehe, und es versammelte sich eine solche Menschenmenge, dass die Wachen gerufen werden mussten, um für Ordnung zu sorgen und dem Zauberpferd den Weg frei zu machen.
Als alles bereit war, erschien der Sultan und nahm auf einer Tribüne Platz, umgeben von den vornehmsten Adligen und Würdenträgern seines Hofes. Als sie saßen, sah man die Prinzessin von Bengalen aus dem Palast treten, begleitet von den Damen, die ihr der Sultan zugeteilt hatte. Langsam näherte sie sich dem Zauberpferd und stieg mithilfe ihrer Damen auf seinen Rücken. Sobald sie im Sattel saß, die Füße in den Steigbügeln und die Zügel in der Hand, stellte der Arzt rund um das Pferd einige große Kohlebecken voller glühender Kohlen auf und warf in jedes ein Räucherwerk aus allerlei köstlichen Düften. Dann kreuzte er die Hände über der Brust und schritt mit gesenktem Blick dreimal um das Pferd herum, wobei er gewisse Worte murmelte. Bald stieg aus den glühenden Becken ein dichter Rauch auf, der Pferd und Prinzessin fast verhüllte – und das war der Augenblick, auf den er gewartet hatte. Mit einem leichten Satz sprang er hinter die Dame, beugte sich vor und drehte den Zapfen, und als das Pferd in die Lüfte schoss, rief er laut, sodass alle Anwesenden seine Worte hörten: „Sultan von Kaschmir, wenn Ihr Prinzessinnen heiraten wollt, die Euren Schutz gesucht haben, so lernt zuerst, ihre Zustimmung zu gewinnen.“
Auf diese Weise rettete der Prinz von Persien die Prinzessin von Bengalen und kehrte mit ihr nach Persien zurück, wo sie diesmal vor dem Palast des Königs selbst landeten. Die Hochzeit wurde nur so lange aufgeschoben, wie nötig war, um die Feier so glanzvoll wie möglich zu gestalten, und sobald die Festlichkeiten vorüber waren, wurde ein Gesandter zum König von Bengalen geschickt, um ihm zu berichten, was geschehen war, und ihn um seine Zustimmung zu dem Bündnis zwischen den beiden Ländern zu bitten, die er von Herzen gab.
Aus dem Englischen übersetzt. Original lesen