Pferde in der Kunst
Fünf Menschenleben für ein Pferd

Diese Geschichte ist nicht ganz das, was sie zu sein scheint – es ist schlicht und einfach eine Geschichte über Glück und Pech.
Diese interessante Geschichte stammt aus dem Buch In Bad Company and Other Stories von Rolf Boldrewood.
„Ja, das scheint schon ein ziemlich hoher Preis für eine halbblütige Stute – höchstens zehn Pfund wert“, sagte der alte Bill, der Koch der Hilfsarbeiter auf der Jergoolah Station, an einem regnerischen Abend, als sich die Männer nach dem Abendessen mit den Pfeifen im Mund ums Feuer versammelten. Es hatte drei Tage lang geregnet, also wurde nicht geschoren. Auch für die anderen Männer – ein halbes Hundert an der Zahl – gab es kaum Arbeit, denn die Schafe mit dem nassen Vlies ließ man am besten in Ruhe. Die Scherer waren natürlich verdrießlich. Sie aßen (und bezahlten) ihre eigenen Rationen. Aber die gewöhnlichen „Ein-Pfund-die-Woche-Männer“, deren Kost und Logis umsonst gestellt wurde, nahmen den Stand des Wetters mit philosophischer Gleichgültigkeit hin.
„Von mir aus kann es bis Weihnachten regnen“, bemerkte ein verlebt aussehender Bursche, der gerade mit einem schmutzigen Kartenspiel und einem ebenso unsauberen Gefährten erfolgreich eine Partie Euchre beendet hatte. „Uns ist das egal, solange die Bäche nicht steigen und uns den Weg in die große Stadt versperren, wo wir unsere Schecks verjubeln. Ich halte nichts von zu viel schönem Wetter zur Schurzeit.“
„Warum nicht?“, fragte sein eben besiegter Gegner und starrte düster auf die Karten, als hielte er sie für seine Verluste verantwortlich.
„Warum nicht?“, wiederholte der erste Sprecher; „weil es keinen Spaß macht, den verdammten Scherern zuzusehen, wie sie ihr Pfund und dreißig Shilling am Tag machen, während wir nicht über drei Shilling sechs hinauskommen – zu jeder Stunde dran wie Arbeitsochsen und in dem Moment rausgeworfen, wenn die Schur vorbei ist, wie ein Haufen herrenloser Fremder nach einem Viehtrieb.“
„Warum bist du dann überhaupt hergekommen?“, fragte ein großer, breitschultriger „Corn-Stalk“ aus der Gegend von Penrith; „keiner hat dich gebeten. Es gab genug Leute für die Arbeit, bevor du aufgetaucht bist. Ihr Stadtrowdys seid es, die die Schuppen verderben – Flüche, Glücksspiel und Gemecker von morgens bis abends. Wenn ich der Boss wäre, würde ich Köder für euch auslegen, wie für die Dingos.“
„Halt den Mund und geh heim auf dein Kürbisfeld“, gab der Kartenspieler mit plötzlicher Lebhaftigkeit zurück. „Ihr aus Sydney glaubt, keiner kann mit Vieh umgehen außer euch. Ihr habt diesseits des Murrumbidgee gar nichts zu suchen, wenn man’s genau nimmt; und ich wäre gern bei einem Haufen dabei, der euch zurückschickt, wo ihr herkommt, mit eurer ganzen Streikbrecherbande.“
„Hände hoch, du Falschspieler!“, sagte der Mann aus New South Wales und machte einen langen Schritt auf das Leichtgewicht zu, das, locker in Abwehrhaltung stehend, keineswegs gewillt schien, den Kampf auszuschlagen.
„Na, nichts da, du Nepean-Bursche“, sagte eine gutmütige, gebieterische Stimme; „keine Prügelei, bis die Schur vorbei ist, sonst streiche ich euch den Lohn. Außerdem geht’s morgen früh bei Tagesanbruch los. Ich habe eine Koppel zu räumen, und das Barometer steigt. Das Wetter wird sich bessern.“ Das war der zweite Aufseher, dessen Wort Gesetz war, bis der „Cobbler“ – das letzte Schaf – geschoren war und der letzte Mann mit dem letzten Schaf unter spöttischem Jubel den Schuppen verließ. Nach ein wenig gedämpftem „Gemurre“ beruhigten sich die Streithähne, da es keinen Grog gab, der ihre erhitzten Gemüter weiter anfachen konnte.
„Was hat der alte Bill da über Pferde und Menschenleben gesagt? Ich hab’s von draußen gehört“, wollte der Hauptmann wissen. „Wird hier Vieh gestohlen?“
„Ach, Joe Downey hat die Bemerkung gemacht“, antwortete ein drahtig aussehender „Old Hand“, der gerade damit beschäftigt war, einen seiner Stiefel so sauber zu flicken, dass man ihn für einen gelernten Schuster hätte halten können, wäre es nicht ein offenes Geheimnis gewesen, dass er das Handwerk hinter Gefängnismauern gelernt hatte, „dass, wenn einer hier ein Pferd ‚mitgehen lassen‘ und damit nach Queensland reiten würde, er nie geschnappt würde.“
„Ach, würde er nicht, was? Und warum ist Bill dann in die Luft gegangen?“
„Na, Bill sagt: ‚Du bist ein verd— junger Narr‘, sagt er. ‚Ich habe klügere Männer als dich ihr Leben wegen eines Zehn-Pfund-Gauls verlieren sehen – ja, und bessere Männer mit ins gleiche Ende reißen.‘“
„Aber er hat etwas von fünf Männern gesagt“, beharrte der Aufseher. „Was hat er damit gemeint?“
„Was ich damit gemeint habe?“, sagte der alte Mann, der jetzt näher getreten war, in strengem, schneidendem Ton. „Na, was ich sage. Es ist Gottes Wahrheit, so wahr ich hier stehe, und alle fünf liegen jetzt in ihren Gräbern – so prächtige Kerle, wie man sie je gesehen hat – alles wegen einer verfluchten Stute, etwa zwei Fünfer wert, der Teufel soll sie holen!“
Die Rede des alten Mannes hatte eine Art derbe Beredsamkeit, geboren aus Ernst, die die Aufmerksamkeit der bunt zusammengewürfelten Menge fesselte; und als Mr. Macdonald, der Aufseher, sagte: „Komm, Bill, raus damit. Der Tag ist ohnehin verloren, und wir können uns vor dem Schlafengehen genauso gut dein Garn anhören wie irgendetwas anderes“, nahm der alte Mann, so aufgefordert, die Pfeife aus dem Mund, setzte sich auf einen dreibeinigen Schemel und schickte sich an, ein eigentümliches und tragisches Erlebnis zum Besten zu geben.
William James, meist „der alte Bill“ genannt, war ein echter Vertreter des wahren „Old Hand“ aus dem Australien vor dem Goldrausch. Über eine frühe Überfahrt nach Tasmanien schwieg er sich aus. Er sprach von jener Zeit nur vage als „den alten Zeiten“, wenn er Geschichten von Geheimnis und Schrecken erzählte, wie sie nur unter dem Regime der Zwangskolonisation hatten geschehen können. Kein Bartschmuck zierte sein Gesicht. Tief zerfurcht, aber stets glatt rasiert, war es ein Gesicht voller Furchen und Gravuren, gleichsam der Lebensbericht der dunkleren Leidenschaften und all jener Leiden, die nur das menschliche Tier ertragen und überleben kann. Aus diesem Feuerofen der Drangsal war der alte Bill gewissermaßen geläutert und gebessert hervorgegangen. Er machte den Eindruck eines Piraten im Ruhestand – überzeugt von den Mängeln des Berufs, aber wehmütig in Erinnerung an seine angenehmen Episoden. Als Buscharbeiter betrachtet, gab es keinen nützlicheren Menschen für eine Kolonie. Bill konnte alles gut und doppelt so viel davon wie der weniger abgehärtete Arbeiter späterer Tage. Zäh, einfallsreich, unermüdlich, treu seinem Brotherrn – der alte Bill war von manchem zuversichtlichen oder unerfahrenen Arbeitgeber für einen unschätzbaren Diener gehalten worden. Und das war er auch, bis der verhängnisvolle Tag kam, an dem das „Scheckfieber“ ihn befiel. Dann, ach! war er „weder zu halten noch zu binden“. Keine Vernunft, kein Interesse, kein Versprechen und kein Grundsatz vermochte ihn von dem wahnsinnigen Gelage abzuhalten, bei dem tagelang – vielleicht wochenlang – jeder Anschein von Männlichkeit verloren ging.
Jetzt aber befand er sich in der gesunden Phase beständiger Arbeit – gut genährt, bezahlt und untergebracht. Kochen war eine seiner vielen Fertigkeiten; darin war er hervorragend. Zugleich reichten trotz seines Alters sein Mut und seine Entschlossenheit aus, um die aufsässigen Hilfsarbeiter in Schach zu halten. In seinen Mußestunden neigte er dazu, die Gelegenheit zu nutzen, um die Torheit eines Zusammenstoßes mit dem Gesetz vorzuführen – dessen sicheren Sieg, dessen furchtbare Strafen. Und vom düsteren Nachspiel einer einzigen Tat handelte die vorliegende Geschichte.
„Ich erinnere mich“, begann er – und strich das graue Haar zurück, das er lang und sorgfältig gebürstet trug –, „als ich auf einer Farm nahe der Grenze zu Queensland arbeitete. Das ist viele lange Jahre her – aber das besagt nichts; manche von euch Burschen sind genauso jung und töricht wie dieser Jack Danvers, von dem ich euch erzählen will. Nun, einige von uns wollten nach der Schur ein bisschen auf die Pauke hauen; wir hatten alle ordentliche Schecks; die einen zogen in die eine Richtung, die anderen in die andere. Jack und sein Kumpel nach Queensland, wo sie einen großen Auftrag erwarteten. Gerade als wir sattelten – manche von uns hatten ein Pferd, manche zwei – kommt eine Herde Pferde vorbei. Ich wusste, wem sie gehörten – einem Squatter nicht weit von dort. Darunter war ein prächtiges braunes Stutfohlen, drei Jahre alt, halbblütig, aber mit guten Bewegungen.
„‚Das ist eine gute Stute‘, sagt Jack – er hatte ein paar Gläser intus –, ‚die könnte man bequem im alten Viehhof am Bach einfangen. Lässt sich auch leicht führen, zusammen mit den anderen Gäulen.‘
„‚Sei kein verdammter Narr, Jack‘, sage ich; ‚das gibt einen Mordsärger wegen der, das kannst du mir glauben. Die wird garantiert vermisst, und man wird dich aufspüren. Verd— noch mal, Mann‘, sage ich, ‚was ist eine Zehn-Pfund-Stute, dass ein Mann dafür seine Freiheit verliert? Wenn es ein großer Fang wäre, wäre das was anderes.‘
„‚Du bist mir der Richtige zum Predigen‘, sagt er, ganz wütend. Der Grog war ihm in den Kopf gestiegen, das konnte ich sehen. ‚Kümmer dich um deinen eigenen —— Kram.‘ Ich hörte seinen Kumpel (ein durch und durch übler Kerl) etwas zu ihm sagen, und sie ritten ruhig davon; aber denselben Weg, den die Herde genommen hatte. Ich zog mit ein paar anderen Burschen los, die drinnen noch einen letzten Drink nahmen, und dachte nicht mehr an Jack Danvers und die braune Stute, bis fast ein Jahr später. Dann kam es heraus. Die Stute war von dem Mann, der sie gezüchtet hatte, entdeckt worden, wie sie in einem Gespann arbeitete. Der Fuhrmann hatte sie ehrlich und redlich gekauft; er hatte eine Quittung von einem Ladenbesitzer. Sie fanden den Ladenbesitzer in Queensland; er hatte sie von einem anderen Mann gekauft. ‚Was für ein Mann?‘ – ‚Na, ein großer, gut aussehender Bursche, wie ein aufgedonnerter Scherer.‘ Die Nachricht ging an die Polizei in Warwillah. Es war natürlich Jack Danvers; sie hatten ihn und seinen Kumpel die ganze Zeit in Verdacht gehabt.
„Nun, Jack wurde geschnappt, obwohl er weit weg draußen auf einem Goldfeld in Queensland war. Aber sie schickten seine Beschreibung von dem Schuppen, den wir zusammen verlassen hatten, und er wurde in Eisen heruntergebracht, weil er sich gewehrt hatte. Der Ladenbesitzer beschwor ihn ganz bestimmt als den Mann, der ihm die braune J.D.-Stute verkauft hatte – vom alten Jerry Dawson war sie. Die Geschworenen befanden ihn für schuldig, und er bekam drei Jahre.
„Jetzt komme ich zu dem Teil des Stücks, wo die ‚Abrechnung‘ kommt. Merkt euch das, ihr jungen Kerle, die kommt immer, früher oder später. Er hatte keinen Grund, die Stute mitgehen zu lassen. Das habe ich damals gesagt, und das sage ich heute. Und was ist daraus geworden? Hört zu, ich erzähle es euch – der Tod in fünf Kapiteln – und so einfach, alles wegen eines ungerittenen Stutfohlens!
„Nun war Jack nicht der Mann, der hinter Gefängnismauern blieb, wenn er es vermeiden konnte. Er und ein anderer Bursche machen eines Tages einen Ausbruch, schlagen den Wärter nieder und schnappen sich seinen Revolver. Ein anderer Wärter kommt heraus, um zu helfen; Jack erschießt ihn, und sie hauen ab. Menschenleben Nummer eins. Hohe Belohnung ausgesetzt. Als Nächstes überfallen sie ein Gasthaus an der Straße. Jemand hat sie verraten. Die Polizei wartet auf sie, als sie hereinkommen – mitten in der Nacht. Kaum sehen sie die Polizei, erschießt Jack den Wirt, den armen Teufel! – dachte, der hätte sie verraten. Menschenleben Nummer zwei. Jack und sein Kumpel und die Polizei ballern aus nächster Nähe aufeinander – ein Polizist verwundet – Jack erschossen – Kumpel verwundet, stirbt am nächsten Tag. Menschenleben Nummer vier.
„Wer hat der Polizei den Tipp gegeben und das Blutgeld kassiert? Ein Freund von Jack, ein Kumpel. Fünfhundert Pfund waren zu viel für ihn. Was ist aus ihm geworden? Die Sache sickerte irgendwie durch – Freunde und Familie ließen ihn fallen. Das Geld hat ihm nichts gebracht. Fing an, ununterbrochen zu trinken, und starb noch im selben Jahr im Säuferwahn. Menschenleben Nummer fünf.
„Ja, er war der Fünfte, der dran glauben musste. Zwei Pfund pro Kopf haben ihre Leben eingebracht! Sie liegen in ihren Gräbern, weil Jack Danvers ein verd— Narr war und, als er jung, stark, gut aussehend und beliebt war, aus purer Dummheit einem Mann die Stute stehlen musste. Er hat nicht gesehen, was daraus werden würde, sonst hätte er sich eher die rechte Hand abgehackt. Aber so ist es nun mal. Wir sehen solche Dinge nicht, bis es zu spät ist. Aber merkt euch meine Worte, ihr jungen Burschen, die ihr die ganze Welt noch vor euch habt – nehmt den Rat eines Narren an. Es zahlt sich nicht aus, ‚krumme Wege zu gehen‘ – hat es nie; und keiner hat mehr Grund, das zu wissen, als der alte Bill James.“
„Bei Gott!“, sagte der Aufseher, „das ist das beste Garn, das ich seit einem Jahr gehört habe. Und wenn der Pfarrer eine bessere Predigt hält, wenn er nächsten Sonntag im Wollschuppen Gottesdienst abhält, dann soll mich das wundern.“
Aus dem Englischen übersetzt. Original lesen