Pferde in der Kunst

Wie die Sonnenpferde durchgingen

· The Equinest

Mann steht neben weißen Pferden
Ein griechischer Mythos über die Pferde der Sonne und darüber, wie gefährlich es ist, sich mit ihnen anzulegen. Ein Urbeispiel für „Wer nicht hören will, muss fühlen“, wenn Sie uns fragen.

Diese Sage stammt aus dem Buch Classic Myths, nacherzählt von Mary Catherine Judd.

Phaethon war das Kind des Sonnengottes Apollo.

„Mutter Klymene“, sagte der Junge eines Tages, „ich will den Palast meines Vaters besuchen.“

„Das ist gut“, antwortete sie. „Das Land, in dem die Sonne aufgeht, ist nicht weit von hier. Geh hin und bitte ihn um ein Geschenk.“

In jener Nacht schnürte Phaethon seine Sandalen fester, hüllte sich in ein dickeres seidenes Gewand und machte sich auf den Weg in das Land des Sonnenaufgangs, das die Menschen manchmal Indien nennen.

Viele Nächte und viele Tage wanderte er, doch seine Sandalen nutzten sich nie ab, und sein Gewand machte ihn weder zu warm noch zu kalt.

Als er schließlich den höchsten Berggipfel der ganzen Erde erklomm, sah er die glitzernden Säulen des väterlichen Palastes. Als er näher kam, entdeckte er, dass sie mit Millionen von Edelsteinen besetzt und mit Gold eingelegt waren. Als er die unzähligen Stufen hinaufzusteigen begann, sprangen die silbernen Tore des Palastes auf, und er sah die wundervolle Elfenbeindecke und die Wände der langen Halle.

Er war froh, dass es so viele Stufen waren, und betrachtete lange die Bilder, die ein unsterblicher Künstler in die Wände gemeißelt hatte.

Es gab Bilder vom Land und vom Meer. Rechts war die Erde mit ihren Städten, Wäldern und Flüssen und den Wesen, die darin leben. Links war der Ozean mit seinen Meerjungfrauen, die zwischen den Wellen spielten, auf dem Rücken von Fischen ritten oder auf den Felsen saßen und ihr meergrünes Haar trockneten. Ihre Gesichter glichen einander und doch wieder nicht, so wie es bei Schwestern sein soll.

Hinauf, immer weiter hinauf stieg er die Hunderte von Stufen, ohne je zu ermüden. An der Decke dieser wunderbaren Halle sah er die Sterne des Himmels eingemeißelt. Auf den silbernen Toren waren die zwölf seltsamen Himmelswesen aus Sternen abgebildet, sechs auf jedem Tor.

Die letzte Stufe war erreicht. Draußen war der Himmel dunkel, doch an der Tür blieb Phaethon stehen, denn das Licht seines Vaters war mehr, als er ertragen konnte. Dort saß Apollo, in Purpur gekleidet, auf einem Thron, der von Diamanten funkelte. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken standen die Tage, strahlend vor Hoffnung, und die Monate, Hand in Hand mit den Tagen, schienen zu lauschen, was die Jahre ihnen zuflüsterten.

Phaethon sah dort die vier Jahreszeiten. Zuerst kam der Frühling, jung und lieblich, das Haupt mit Blumen gekrönt. Dann kam der Sommer, ein Gewand aus Rosen locker um sich geworfen und einen Kranz aus reifem Weizen auf dem Kopf. Dann kam der fröhliche Herbst, die Füße von Traubensaft gefärbt, und zuletzt der eisige Winter mit frostigem Bart und Haar, und Phaethon fröstelte, als er ihn ansah. Geblendet vom Licht und erschrocken, sich in solcher Gesellschaft wiederzufinden, blieb er stehen.

Die Sonne, die ihn mit dem Auge sah, das alles sieht, fragte:

„Warum bist du hier?“

„Apollo, mein Vater, gewähre mir eine Bitte, damit ich den Sterblichen beweisen kann, dass du mein Vater bist.“

Apollo legte seine blendende Strahlenkrone ab, schloss Phaethon in die Arme und sagte:

„Tapferer Sohn, bitte, worum du willst, das Geschenk soll dir gehören.“

Schneller als ein Blitz aus der Krone seines Vaters kam Phaethons Frage:

„Lässt du mich einen Tag lang deinen Wagen lenken?“

Törichter Vater, törichter Sohn! Apollo schüttelte warnend dreimal den Kopf.

„Ich habe unbedacht gesprochen. Dies eine kann kein Sterblicher vollbringen. Und auch kein Unsterblicher außer mir kann die Pferde zügeln, die den feurigen Wagen des Tages ziehen. Nicht Ehre, sondern den Tod erbittest du. Ändere deinen Wunsch.“

Phaethon antwortete:

„Meine Mutter hat mich gelehrt, dass mein Vater seine Versprechen immer hält.“

„So ist es, unbesonnener Junge. Wenn du deinen Wunsch nicht änderst, kann auch ich nichts ändern. Bringt den Sonnenwagen.“

Das kühne Kind stand neben dem prächtigen Wagen, der höher war als sein Kopf. Seine Augen funkelten so hell wie die Diamanten, mit denen die Rückseite des goldenen Wagens besetzt war. Die goldene Achse schimmerte durch die silbernen Speichen, denn der Wagen bestand aus nichts als Gold, Silber und Edelsteinen.

Dann stieß die Morgenröte die purpurnen Tore des östlichen Himmels auf. Die Sterne folgten dem Zeichen des Morgensterns und verschwanden langsam, gefolgt von ihrem Anführer.

Die Horen gehorchten Apollos Befehl, schirrten die Pferde an, führten die wundersamen Geschöpfe heraus und spannten sie vor den Wagen.

Apollo salbte Phaethons Gesicht, nahm die Krone aus leuchtenden Strahlen und setzte sie dem unbesonnenen Jungen auf den Kopf.

Seufzend sagte er:

„Mein Sohn, wenigstens in einem Punkt wirst du meinen Rat befolgen: Schone die Peitsche und halte die Zügel fest. Du wirst die Spuren der Räder sehen, wo ich vor dir gefahren bin, und sie werden dich leiten. Fahre nicht zu hoch, sonst verbrennst du den Himmel, und nicht zu tief, sonst setzt du die Heimat deiner Mutter, die Erde, in Brand. Der mittlere Weg ist der beste. Nimm die Zügel, oder, wenn du deinen Wunsch selbst jetzt noch ändern willst, bleib hier und überlass mir den Wagen.“

Phaethon sprang in den goldenen Wagen und dankte seinem Vater mit einem stolzen Lächeln. Dann gab er den Pferden das Zeichen.

Mit der Wucht eines Sturms schossen sie durch die Morgenwolken davon. Die Menschen auf der Erde glaubten, es sei schon Mittag, und versuchten, doppelt so viel wie sonst zu arbeiten. Die feurigen Pferde merkten bald, dass ihre Last leicht war und die Hände an den Zügeln schwach. Sie brachen aus ihrer Bahn aus, bis die glühende Hitze den Großen und den Kleinen Bären danach verlangen ließ, sich ins Meer zu stürzen.

Der arme Phaethon blickte auf die Erde hinab, wurde blass und zitterte vor Angst. Er wünschte, er hätte diese strahlenden Rosse nie gesehen, den Palast der Sonne nie aufgesucht und seinen Vater nie bei diesem unbedachten Versprechen genommen.

Diana, die den Wagen des Mondes lenkt, hörte das wilde Getöse am Himmel, schoss ihre Pfeile auf die verängstigten Pferde und lenkte sie gerade noch rechtzeitig ab, bevor sie ihren eigenen silbernen Wagen zertrümmern konnten.

Die Erde schrie nach Wolken und Regen. Die Menschen Afrikas wurden wegen der schrecklichen Hitze schwarz. Bäche trockneten aus, Berge brannten, und der Nil verbarg sein Haupt für immer in einer Wüste. Schließlich rief die Erde mit heiserer Stimme Jupiter an, den Herrscher der Götter:

„Was habe ich getan, dass diese Strafe über mich kommt? Töte mich, oder rette mein Volk vor diesem Brand!“

Jupiter sah von seinem Sitz in den Gewitterwolken, in welcher Gefahr Himmel und Erde schwebten, und schleuderte seine Blitze auf den unbesonnenen Lenker. Phaethon stürzte tot aus dem Wagen. Vom Morgen bis zur Nacht und von jener Nacht bis zum Morgen fiel er wie eine Sternschnuppe und versank schließlich in einem italienischen Fluss. Seine Schwestern zitterten so sehr bei seinem Sturz und weinten so bitterlich, dass sie sich am Flussufer in Pappeln verwandelten. Bis heute trauern sie um ihn und zittern beim leisesten Windhauch vom Himmel. Apollos Pferde, von Jupiters Stimme besänftigt, fanden endlich wieder ihre Bahn. Als der Abend kam, zogen sie durch die westlichen Tore des Himmels und wurden über den Norden zurück in ihre Ställe nahe Apollos Palast gebracht.

Aus dem Englischen übersetzt. Original lesen